Wer eine Wohnung mieten will, muss bereits heute zahlreiche private Informationen preisgeben. Gerade auf umkämpften Mietmärkten wie in Berlin, Hamburg oder München fordern viele Vermieter Informationen wie die Schufa-Auskunft, detaillierte Angaben zum Einkommen und eine Mieterselbstauskunft oft schon bei der Besichtigung. Ein Start-up aus Großbritannien plant, noch deutlich weiter zu gehen und den Vermietern mehr Daten zur Verfügung zu stellen – ob es eine Expansion nach Deutschland plant, ist derzeit unbekannt.

Tenant Assured heißt das Angebot des Unternehmens Score Assured. Künftige Mieter sollen, auf angeblich freiwilliger Basis, ihre verschiedenen Onlinedienste mit Tenant Assured verknüpfen, das Programm erstellt dann eine fortlaufende Analyse und überführt die Werte in einen individuellen Risikowert.

Damit sollen verschiedene Fragen beantwortet werden, unter anderem: Wie zahlungskräftig ist der potenzielle Mieter, wird er oder sie die Miete stets pünktlich zahlen? Wie entwickelt sich die Lebenssituation? Handelt es sich um einen Mietnomaden, der die Wohnung in einem chaotischen Zustand hinterlassen wird?

Nutzer verknüpfen selbst ihre Accounts

Wenn Nutzer sich erstmals bei dem Programm anmelden, können sie entscheiden, welche Onlineaccounts sie verbinden – Twitter, Instagram, Facebook und LinkedIn stehen nach Angaben der FAQ des Unternehmens derzeit zur Verfügung. Diese Accounts werden dann nach relevanten Informationen durchsucht, die ein Lagebild ermöglichen sollen. Dazu gehört beispielsweise, dass ein Nutzer das Wort "Kredit" postet, aber auch sogenannte Lebensereignisse wie Schwangerschaft oder Hochzeit.

Tenant Assured wirbt damit, dass sich Vermieter mit Hilfe des Programms nicht nur ein Bild über den "Ist-Zustand" machen, sondern auch zukünftige Entwicklungen berücksichtigen können. Ob ein Vermieter am Ende aber wirklich einem ansonsten unauffälligen Mieter kündigen wird, wenn sich der Risikowert bei Tenant Assured erhöht, ist unklar.

Die Washington-Post-Journalistin Caitlin Dewey konnte Tenant Assured bereits testen – und schreibt, dass das Programm "Hochzeit" als Lebensereignis festgehalten habe, nachdem sie über die Hochzeit einer Freundin getwittert habe. Auch die bloße Erwähnung des Wortes "Schwangerschaft" wird als Lebensereignis festgehalten. Die Qualität der Algorithmen darf also bezweifelt werden, wenn völlig zufällige Ereignisse ohne relevanten Bezug zum individuellen Leben der Kunden in dieser Form dokumentiert werden.

Auch wir wollten uns gern selbst ein Bild von dem Programm machen, doch die Firma reagiert leider nicht auf unsere Anfragen. Auch ansonsten scheint das Unternehmen derzeit auf Tauchstation zu sein – auf der Website steht nur noch "Coming Soon", nachdem das Produkt zwischenzeitlich schon vermarktet wurde.

Was ist ein "normales Leben"?

Ein Programm wie Tenant Assured weckt natürlich Ängste. Der Gründer des Unternehmens, Steve Thornhill, sagte der Washington Post: "Wenn Sie ein normales Leben führen, haben Sie nichts zu befürchten." Diese Aussage, die vermutlich beruhigend klingen soll, dürfte bei vielen Menschen aber erst recht Sorgen vor einem entsprechenden Programm wecken – denn was ist schon ein "normales Leben"?

Fällt jeder Mensch, der regelmäßig nachts Bilder von einer Party postet, durchs Raster? Sinkt der Scorewert, wenn das Wort "Kredit" in Posts vorkommt, selbst wenn das mit der finanziellen Situation der Nutzer gar nichts zu tun hat? Denkbar wäre etwa, dass ein am Wirtschaftsgeschehen interessierter Mensch darüber schreibt, dass ein Unternehmen einen Konkurrenten übernommen hat und die Übernahme per Kredit finanziert.

Solche Ängste scheinen nicht unbegründet, wenn man sich den von Caitlin Dewey auf Basis ihrer eigenen Accounts erstellten Report anschaut. Im Dashboard gibt es ein detailliertes Bild über die Aktivitätszeiten der Nutzer, aber auch Angaben zu möglicherweise relevanten Informationen zum Thema "Kriminalität". Dort tauchen dann in sozialen Netzwerken gepostete Begriffe wie "Erpressung", "Mord", "im Gefängnis" und "Justiz" auf. Wer regelmäßig über Gewalttaten und Straftaten twittert, wird also selbst zum Kriminellen?