Was würden Sie tun, wenn ein Unbekannter Ihnen auf Twitter oder Facebook für alle Welt sichtbar eine Vergewaltigung oder den Tod wünscht? Wenn er Ihr Kind bedroht? Ihre Adresse im Netz veröffentlicht, oder gleich ein Foto von Ihrem Klingelschild?

Anzeige erstatten, klar. Eine Berlinerin, die das über sich ergehen lassen musste, ist zur Polizei gegangen. Zwei Strafanzeigen hat sie dort gestellt, beide im Juli. Dann passierte lange nichts. Im September bekam ihr damaliger Anwalt, Karsten Gulden aus Mainz, einen Anruf vom Polizeipräsidium: Der Fall sei an die Amtsanwaltschaft übergeben worden, und die habe im September gerade einmal die Aktenzeichen für Anzeigen vom Mai vergeben. Die Behörde hinkt also schon beim Verwalten um mehrere Monate hinterher. Immerhin gibt es einen Lichtblick: Die Polizei sagt, sie nehme den Fall ernst. In der kommenden Woche will sie die Frau, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, auf den Stand der Ermittlungen bringen. Bedroht wird sie bis heute.

Es muss nicht immer so laufen. Manchmal werden die Täter erwischt und verurteilt. Zwei Männer, die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete auf Facebook beleidigt hatten, sind mit Geldstrafen von 600 und 700 Euro belegt worden. Einer, der mehrfach gegen Geflüchtete hetzte, muss für zehn Monate ins Gefängnis. Und ein junger Mann, der einen Redakteur von ZEIT ONLINE auf Facebook massiv bedroht hat, muss mehr als 4.200 Euro Strafe zahlen, plus Anwaltskosten.

Aber ein Ausnahmefall ist die Berlinerin wahrlich nicht. Strafanzeigen, auf die keine Antwort der Behörden kommt, Ermittlungen, die sich monatelang hinziehen und dann ergebnislos versanden, während die Drohungen weitergehen – besonders den Berliner Behörden wird häufig vorgeworfen, dass sie Opfern nicht helfen. Auch der ehemalige Berliner Abgeordnete Christopher Lauer kennt das Problem. Woran liegt das? Wer ist schuld daran?

ZEIT ONLINE hat auf der Suche nach Antworten mit Opfern und Anwälten gesprochen, mit der Berliner Generalstaatsanwaltschaft, der Polizei, mit Twitter und Facebook. Am Ende bleibt ein Eindruck von Hilf- und Ratlosigkeit, von Überforderung und Überlastung, und von gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Toxisches Twitter

Die Betreiber der großen sozialen Netzwerke wissen, dass sie ein Problem haben – und einen miserablen Ruf. Facebook muss sich seit Monaten von deutschen Ministern vorwerfen lassen, zu wenig gegen Hass und Hetze zu tun. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen CEO Mark Zuckerberg und andere Manager und Mitarbeiter. Auslöser war die Strafanzeige des Würzburger Anwalts Chan-jo Jun, der Hunderte seiner Ansicht nach strafrechtlich relevante Inhalte gemeldet hatte, die nicht gelöscht wurden. Die offizielle Antwort des Unternehmens auf solche Vorwürfe ist immer die gleiche: "Hass hat keinen Platz auf Facebook."

Twitter gilt sogar bei ehemaligen Mitarbeitern als "toxisch" und als "Honigtopf, der Arschlöcher anlockt". Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Zukunft des Unternehmens: Angeblich wollten Disney und Salesforce Twitter letztlich auch deshalb nicht kaufen, weil sie befürchteten, die vielen Trolle auf der Plattform könnten ihrem Image schaden.

Aber das Löschen gemeldeter Inhalte und die Sperrung entsprechender Konten, also die Durchsetzung der eigenen Community-Richtlinien, ist nur ein Teil dessen, was die Unternehmen leisten müssten. Jener Teil, bei dem sie ganz offensichtlich versagen. Der andere ist die Unterstützung bei der Strafverfolgung. Hier ist die Schuldfrage weniger eindeutig.