Ein letztes Mal verlaufen auf der Suche nach Saal G im Hamburger Kongresszentrum CCH. Ein letztes Mal dem Rohrpostsystem Seidenstraße durch das verschachtelte Gebäude folgen. Ein letztes Mal ins Teezelt der Bürgerrechtler von La Quadrature du Net auf dem abgewetzten Teppich des Siebzigerjahrebaus setzen. Am 27. Dezember beginnt der 33. Chaos Communication Congress, kurz 33C3. Es wird ein Abschiedskongress.

Das CCH wird bis 2019 saniert, für die nächsten Jahre brauchen die Ausrichter einen neuen Hackerspielplatz. Noch steht nicht fest, in welcher Stadt sich dieser befinden wird. Auch weil es schwierig ist, einen Ort von geeigneter Größe zu finden. Der C3 kommt mittlerweile einem veritablen Festival gleich: Alle rund 12.000 Tickets waren dieses Jahr in Rekordzeit verkauft. Eine Tageskasse wird es nicht geben, auch für den Junghackertag ist keine Anmeldung mehr möglich.

Wer kein Ticket bekommen hat, kann sich nach einer Congress-Everywhere-Veranstaltung umsehen, um zumindest die Vorträge per Livestream zu sehen. Die Übertragungen werden hier zu sehen sein, die Aufzeichnungen etwas später hier.

Keine Keynote, dafür sieben Weltraumvorträge

Das Kongressmotto lautet in diesem Jahr works for me. Gemeint ist die typische Abwehrreaktion von Technikspezialisten, die von einem technischen Fehler nicht betroffen sind und ihn deshalb als Problem anderer Menschen abtun. Diese Haltung, dieses Zurückziehen in die eigene Nische, möchten die Veranstalter ändern. 

Natürlich werden die üblichen Vorträge zu Sicherheitslücken und Netzpolitik nicht fehlen. Eine Programmübersicht, den sogenannten Fahrplan, gibt es hier. Es wird aber auch einige inhaltliche Neuerungen geben. So bekommt das Thema "Space" erstmals einen eigenen Schwerpunkt (Track) mit sieben Vorträgen über Gravitationswellen, Laser im Weltraum und einen Fahrstuhl vom Mond in Richtung Erde. Hervorgegangen ist die Idee aus dem erfolgreichen Raumzeit-Podcast, in dem CCC-Mitglied Tim Pritlove seit sechs Jahren Interviews mit europäischen Wissenschaftlern und Vertretern der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) führt.

Wie populär der Themenbereich bei den Kongressbesuchern ist, hat auch der Vortrag Quantenphysik und Kosmologie – eine Einführung für blutige Anfänger im Vorjahr gezeigt. Der Saal platzte aus allen Nähten, als es ab 21.30 Uhr um das Doppelspaltexperiment und dunkle Materie ging. Abende wie dieser haben das CCH zur Hackerheimat gemacht, zu einem Ort, an dem jeder Besucher etwas lernen kann.

Die auffälligste Neuerung in diesem Jahr ist, dass es zwar die gewohnte Eröffnungszeremonie, danach jedoch keine Keynote geben wird. "Solange wir keine Knalleridee haben, wollen wir unseren Gästen keine Keynote aufzwingen", sagt Dirk Engling vom CCC. Stattdessen werde jedes Kuratorenteam für die einzelnen Tracks "durch das Platzieren der Vorträge der Community einen Hinweis geben, was ihrer Meinung nach einer Keynote am nächsten kommt".

Die Rakete Fairydust vor dem CCH, das Wahrzeichen aller CCC-Kongresse © Patrick Lux/Getty Images

Letztlich reagieren die Betreiber damit auf das Wachstum des Kongresses. Das Publikum ist mittlerweile äußerst divers und bringt dementsprechend verschiedene Erwartungen mit. Insbesondere in den vergangenen beiden Jahren hatten die Keynotes für größere Verstimmungen gesorgt. Einige fanden das, was der Musiker und Aktivist Alex Empire und die aus Afrika geflüchtete Fatuma Afrah zu sagen hatten, durchaus inspirierend. Andere fanden es nicht technisch genug für einen Hackerkongress.

Was sich in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat: Zunehmend mehr Menschen wollen die Technik in ihrem Alltag nicht nur hinnehmen, sondern sie durchdringen und verändern können. Selten war das so wichtig wie 2016, einem Jahr, in dem

  • Samsung seine Note-7-Smartphones zumindest in den USA per erzwungenem Software-Update vollständig unbrauchbar machen will.
  • der Smartphone-Hersteller Pebble nach der Übernahme durch FitBit ankündigt, dass bereits verkaufte Geräte möglicherweise bald weniger Funktionen haben werden als momentan.
  • HP einige seiner Tintenstrahldrucker nachträglich und ohne Ankündigung per Firmware-Update inkompatibel mit Druckerpatronen von Drittherstellern machte.
  • ein Musikproduzent feststellen musste, dass Apple irgendwie die Musiksammlung von seiner Festplatte gelöscht und die Dateien durch teilweise minderwertige Versionen von Apple Music ersetzt hat.
  • und die Revolv-Steuerungszentrale für das vernetzte Eigenheim zum Briefbeschwerer wurde, weil der Cloud-Server abgeschaltet wurde und eine Offline-Nutzung nicht vorgesehen war.

Der Kampf gegen diese Art Kontrollverlust – davon darf man getrost ausgehen – liegt im gemeinsamen Interesse der C3-Besucher. Ganz egal, ob sie nun Hardcore- oder Nachwuchshacker sind, die Nächte vor dem Rechner oder im Bällebad verbringen, Hoodies oder Tierkostüme tragen. Und ganz egal, in welcher Stadt die CCC-Rakete Fairydust im kommenden Jahr stehen wird.