Wie 175.000 Versionen einer Botschaft erstellt werden, wie viel Aufwand das bedeutet, und von wie vielen US-Bürgern Cambridge Analytica wirklich die Facebook-Likes kennt, bleibt im Magazin unbeantwortet. Doch das sind nur Details.

Von zentraler Bedeutung ist vielmehr die Frage nach der Wirksamkeit der Methode und ihrem Anteil an Trumps erfolgreichem Wahlkampf. Die Frage nach der Sprengkraft der vermeintlichen "Bombe", von der Kosinski gesagt hat, er habe nur gezeigt, "dass es sie gibt". Vermeintlich deshalb, weil es heftige Kritik gibt an dem Magazin-Artikel über den Forscher und die Firma, die seine Idee zur Wählerbeeinflussung benutzt. Denn er erweckt den Eindruck, Cambridge Analytica habe die Wahl entschieden.

Verzerrtes Bild

Die einzigen direkten Quellen sind Kosinski und Nix, also der Erfinder der Methode und derjenige, der damit Geld verdient. Unabhängige Stimmen, die das Microtargeting an sich bewerten und in den gesamten Wahlkampf einordnen, fehlen. Belege für die Wirksamkeit der Methode liefern die Autoren Mikael Krogerus und Hannes Grassegger (der auch für ZEIT ONLINE schreibt) nicht, weil Cambridge Analytica keine herausrücken will. Das zugrunde liegende Persönlichkeitsmodell OCEAN ist wissenschaftlich umstritten und längst nicht auf alle Menschen anwendbar, was im Artikel aber nicht erwähnt wird.

Dass die Firma Cambridge Analytica, wie im Artikel angedeutet wird, schon beim Brexit-Votum und auch beim zwischenzeitlichen Aufstieg des Republikaners Ted Cruz zum ernstzunehmenden Kandidaten der Partei eine zentrale Rolle gespielt hat, zweifeln manche an. Die Cruz-Leute haben die Zusammenarbeit mit der Firma sogar vorzeitig beendet, weil sie so unzufrieden mit den Ergebnissen waren. Auch andere Insider stellen schon länger die Fähigkeiten von Cambridge Analytica in Frage. Viel PR, wenig Substanz – so lassen sich die Vorwürfe zusammenfassen.

Im Magazin-Artikel gibt es durchaus Differenzierungen, aber sie werden überlagert von der Bomben-Metapher und ähnlich dramatisierten Passagen sowie von Textpassagen wie dieser: "Die Statistiker haben die Wahl gewonnen. Aber nur jene mit der neuen Methode. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Trump oft über die Wissenschaft schimpfte, aber wohl dank ihr die Wahl gewonnen hat." Der Artikel zeichnet daher ein verzerrtes Bild davon, wie wichtig Cambridge Analytica im US-Wahlkampf wirklich war. Dabei gab es noch andere Datenanalyse-Firmen, die Trumps und Clintons Lager beschäftigt haben, sowie viele nicht-technische Gründe, die letztlich zum Sieg des republikanischen Kandidaten führten.

Die Demokraten, der FBI-Direktor, das Wahlsystem, die Russen, die Medien, die Liberalen – sie alle wurden schon mitverantwortlich für den Wahlausgang gemacht. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Den einen Grund für Trumps Sieg gibt es nicht.

Selbst innerhalb seiner Kampagne waren die Briten nur ein Dienstleister von mehreren. Sasha Issenberg, Autor von The Victory Lab: The Secret Science of Winning Campaigns und Kenner von Cambridge Analytica, schreibt auf Anfrage von ZEIT ONLINE: "Trumps Team hat auf mindestens vier verschiedene Umfrageinstitute zurückgegriffen, die wie Cambridge Analytica die Wähler beobachtet und Empfehlungen abgegeben haben, wo Trump seine Ressourcen einsetzen sollte. Die Republikanische Partei, die für Trump den Großteil der individuellen Kontakte zu Wählern organisiert haben, hatte ihre eigenen Datenanalysten, die oft anderer Meinung waren als Cambridge."

Microtargeting allein gewinnt keine Stimmen

Der Ansatz von Cambridge Analytica mit dem OCEAN-Modell mag speziell sein, im Prinzip aber ist er keinesfalls einzigartig. Issenberg nennt beispielhaft sieben weitere Firmen, "die sich, was Fähigkeiten und Methoden angeht, nicht groß von Cambridge unterscheiden". Sie heißen Civis Analytics, Clarity Campaign Labs, Blue Labs, 0ptimus, TargetPoint, Grassroots Consulting und i360.

"Solche Analysefirmen können einem Wahlkampfteam helfen, ihre begrenzten Mittel zu priorisieren", sagt Issenberg. "Welche Wähler lohnt es sich anzusprechen, sollte man sie versuchen zu mobilisieren oder zu überzeugen, wo sollte der Kandidat noch auftreten? Trump hatte viel weniger Geld als Clinton für den Wahlkampf, da war es besonders wichtig für ihn, solche Empfehlungen zu bekommen. Aber die gewinnen alleine noch keine Stimmen."