Zudem gehören zu den großen US-Kampagnen nicht nur Datenanalysten, sondern auch Spin-Doktoren, Spendeneintreiber, sogenannte opposition researchers, die nach Schwächen der Kontrahenten suchen, und viele weitere Spezialisten. Im US-Wahlkampf, in dem einzelne Wahlbezirke in Swing States von großer Bedeutung sein können, ist Microtargeting zur Mobilisierung und vielleicht auch zur gezielten Entmutigung der gegnerischen Anhänger nicht mehr wegzudenken. Die anderen Mittel aber auch nicht.

Die Magazin-Autoren verteidigen sich gegen die Kritik. Auf Anfrage schreiben sie: "Unser Ziel war es, Microtargeting zu erklären. Da ist eben nicht so wichtig, warum, wo und ob Ted Cruz die Firma Cambridge Analytica gefeuert hat". Die OCEAN-Methode sei "der Standard in der modernen Psychologie", Kritik daran aus der Wikipedia sei "nicht die beste Quelle". Sie räumen aber ein, nicht deutlich genug gemacht zu haben, dass Cambridge Analytica nur ein Baustein von vielen im Wahlkampf war.

Eines ihrer Ziele aber dürften sie erreicht haben: eine Debatte über die Nutzung von Facebook- und anderen Daten zur Wählerbeeinflussung in Gang zu setzen. Was erlaubt ist, was machbar, was bezahlbar und was sinnvoll, das werden sich auch die deutschen Parteien im Bundestagswahlkampf vermutlich genau ansehen. In einer ersten Reaktion auf den Magazin-Artikel beschreibt Mathias Richel, der den Onlinewahlkampf der SPD 2013 konzeptionell unterstützt hat, die Kampagnenrealität in Deutschland so: "Kein Big Data weit und breit." Zu kompliziert, zu heikel, zu teuer. Nicht jeder Digitalstratege dürfte das so sehen. Erst recht nicht diejenigen, die etwas zu verkaufen haben.

Ergänzung: Mittlerweile hat auch Michal Kosinski auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE geantwortet. Der eigentliche Erfinder der von Cambridge Analaytica eingesetzten Methode schreibt: "Der Hauptgrund für Trumps Wahlsieg war die Unfähigkeit der Demokraten, einem großen Teil der Wählerschaft zuzuhören. Psychologisches Targeting könnte der sprichwörtliche Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber es gewinnt alleine keine Wahl." Er werde "hoffentlich bald" Ergebnisse einer Studie veröffentlichen, die zeigen, "dass psychologisches Targeting und das entsprechende Zuschneiden einer Botschaft deren Überzeugungskraft stark erhöhen kann".

Auch Viktor Mayer-Schönberger, Big-Data-Forscher und Professor am Oxford Internet Institute, will Trumps Erfolg nicht auf eine einzige Ursache zurückführen, "auch wenn wir Menschen gerne so ein vereinfachendes Narrativ hätten", wie er in einer E-Mail schreibt. Er hält die Methode von Cambridge Analytica aber in einer Hinsicht für einen der derzeit modernsten Ansätze im datenbasierten Wahlkampf: Sie gehört zu "jenen Methoden, die nicht mehr von vordefinierten Wählergruppen ausgehen, sondern bei denen sich Wählergruppen aus den Mustern von Daten ergeben. Damit bleiben die Wählergruppen relevant und aktuell, und 'zwingen' die Wahlkämpfer dazu, mit diesen jeweils relevanten Gruppen zu kommunizieren anstatt vordefinierte Gruppen (Millennials, Rentner etc.) zu bedienen."