Da sitzt er, der Troll, einsam im abgedunkelten Kämmerchen vor seinem Bildschirm. Mit Schaum vor dem Mund tippt er unter dem Schutzmantel der Anonymität seine Tiraden in die Kommentarspalten, beleidigt und pöbelt, hetzt und provoziert und lässt zwischen den Zeilen seinen ganzen Unmut über sein Leben heraus. Der Onlinetroll, Kreatur einer kaputten Gesellschaft, zurückgelassen und abgehängt. Nichts bleibt ihm außer der kurzzeitigen Befriedigung, auch die letzte sachliche Diskussion zerstört zu haben.

Diese Beschreibung ist natürlich ein Klischee – und falsch obendrein. In Zeiten von frei erfunden Meldungen, von Hasskommentaren und persönlichen Angriffen in den sozialen Netzwerken wird gerne übersehen, dass hinter vielen mutmaßlichen Trollen keine hasserfüllten Außenseiter stecken – sondern möglicherweise einfach Menschen, die einen schlechten Tag haben, zuvor etwas Negatives gelesen haben oder einfach zur falschen Tageszeit die Kommentarspalten aufsuchen. Das behauptet eine neue Studie der Stanford Universität (Cheng et al., 2017). Ihr Titel: Anyone Can Become a Troll. Jeder kann zum Troll werden.

Mit ihrer Studie wollen die Wissenschaftler an die bestehende "Trollforschung" anknüpfen. Die beschäftigte sich in den vergangenen Jahren vor allem mit der Persönlichkeit von Trollen und ergab, dass antisoziales Verhalten in Onlineforen aus Ärger, Frustration, Langeweile oder auch einfach nur zum Spaß stattfinden kann und dass Menschen aufgrund ihres sozialen Umfelds dazu tendieren können, sich negativ im Internet zu äußern. Die Forscher aus Stanford wollten dagegen herausfinden, ob es auch einfache Auslöser im Netz gibt, die selbst Menschen zum Trollen bringen, die zuvor nicht negativ aufgefallen sind.

Wer mies drauf ist, trollt schneller

Im ersten Teil der Studie wollten sie feststellen, wie sich die persönliche Stimmung und der Kontext auf das Onlineverhalten von Nutzern auswirken. Dazu wählten sie 667 Freiwillige für ein Experiment aus. Diese sollten zunächst auf einer Website einen Qualifikationstest mit 15 Fragen und Aufgaben ausfüllen. Jeweils die Hälfte der Probanden bekam dabei einen sehr leichten oder einen sehr schweren Test und angezeigt, ob sie im Vergleich gut oder schlecht abschnitten. Anschließend beantworteten sie in einem Fragebogen, wie sie sich gerade fühlen. Erwartungsgemäß war die Gruppe, die den schweren Test hatte, schlechter gelaunt.

Die Teilnehmer sollten dann einen Artikel lesen und anonym an der Debatte teilnehmen. Auch hier gab es zwei Versionen: Ein Teil bekam eine Kommentarspalte angezeigt, in der die ersten drei Beiträge der Definition von Trollkommentaren entsprachen, also etwa unsachlich, polemisierend oder übergriffig waren. Der andere Teil bekam drei neutrale Beiträge angezeigt. Die Forscher fanden heraus, dass 35 Prozent der gutgelaunten Teilnehmer, die den neutralen Kommentarbereich sahen, trollten. Wurden sie bereits mit negativen Kommentaren konfrontiert, waren es schon 47 Prozent. Bei den schlechtgelaunten Teilnehmern stiegen die Zahlen auf jeweils 49 beziehungsweise 68 Prozent.

Die Forscher schließen daraus, dass sowohl die Stimmung als auch die vorangegangene Diskussion die Qualität von Kommentaren im Netz beeinflussen. Das würde bedeuten, dass eben nicht nur einzelne Individuen trollgefährdet wären, sondern praktisch alle Internetnutzer. Die Ergebnisse bestätigen, was Community-Manager längst wissen: Beginnt eine Debatte schon schlecht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie schnell aus dem Ruder läuft. Auch deshalb versuchen Websites – darunter auch ZEIT ONLINE – mit Moderation und Bewertungssystemen sachliche und anregende Beiträge hervorzuheben, sodass Trolle nicht von Anfang an den Ton der Debatte bestimmen.