Es ist, als verkaufe ein Energydrinkhersteller plötzlich grünen Tee: Pornhub, eine der beliebtesten Websites für kostenlose Pornofilme, will künftig Aufklärungsarbeit leisten. Die Plattform, die Teil eines mächtigen Streaming-Imperiums ist und jenseits von Pornos vor allem mit ihrer viralen Social-Media-Strategie bekannt wurde, hat in der vergangenen Woche ihr Sexual Wellness Center gestartet. Eine Anlaufstelle für "Liebe, Sexualität und Gesundheit", wie es heißt.

In den kommenden Wochen sollen die Besucher dort Informationen über Geschlechtskrankheiten, Verhütung und Sexpraktiken bekommen. Sie können Experten wie der in den USA bekannten Autorin und Sexualtherapeutin Laurie Betito Fragen stellen, Gastbeiträge lesen und die Grundlagen der weiblichen (und vielleicht später auch männlichen) Anatomie lernen. Die Website ist – anders als die Mutterseite – absolut safe for work, bislang noch nicht besonders gut gefüllt und optisch extrem zurückhaltend gestaltet. Das Ganze wirkt derzeit wie ein schnell aufgesetztes Wordpress-Blog.

Vor allem stellt sich die Frage: Ist das nun gut oder lediglich gut gemeint?

Von Mahnern und Entwarnern

Die Idee des Sexual Wellness Center, sollte es denn wirklich mehr als eine PR-Aktion sein, wirkt zunächst ziemlich zynisch. Schließlich scheint die Mainstream-Pornobranche der letzte Ort zu sein, an dem sich ernsthaft Sexualaufklärung betreiben lässt. Die meisten Hardcore-Pornofilme haben mit dem tatsächlichen Sex in den Schlafzimmern so viel zu tun wie der zuckerhaltige Energydrink aus der Dose mit dem schonend gebrühten Tee. Frauen werden zumeist als wahlweise williges oder unterwürfiges Sexobjekt dargestellt, die Männer sind in ihrer Rolle als ebenso stets bereite wie breite Muskelberge kaum näher dran an der Realität. Jede Frau mag Analsex. Jeder Mann hält locker 30 Minuten durch. Nach dem Cumshot ist prinzipiell Schluss. Verhütung wird wenn dann hinter der Kamera thematisiert.

Wie Pornografie auf die Betrachter wirkt, wird seit Jahrzehnten in der Wissenschaft debattiert – nicht selten kontrovers. Bereits in den siebziger Jahren gab es die Vermutung, Pornos könnten bei den zumeist männlichen Konsumenten die Bereitschaft zur sexuellen Gewalt erhöhen, was Studien in den Achtzigern (Garcia, 1986) widerlegten. Jüngere Studien (Halt et al. 2013) kamen hingegen zu dem Schluss, dass Pornografie sexistische Züge bei Männern durchaus verstärken kann. Gleichzeitig spielten den Forschern zufolge aber noch andere Aspekte wie die "soziale Verträglichkeit" eine Rolle. Dass Online-Pornografie bei den Konsumenten zu sexuell riskanterem Verhalten, also etwa ungeschütztem Sex, führe, konnte zumindest eine Studie von Luder et al. (2011) nicht bestätigen.

Auch in Deutschland gibt es schon länger einen Kampf zwischen "Mahnern und Entwarnern", wie es in einem Artikel der ZEIT im Jahr 2014 hieß. Der Spiegel widmete im gleichen Jahr eine Titelgeschichte der Frage, wie schädlich die Pornografie aus dem Internet gerade für Jugendliche sei. Kritiker und besorgte Eltern prägten zwischenzeitlich den Begriff von der "Generation Porno", einer hypersexualisierten Jugend, die durch den einfachen Zugriff auf Pornografie zunehmend verrohe.    

Nie war es leichter, Pornos zu gucken

Die Fronten scheinen verhärtet: So vertreten unter anderem Forscher des Hamburger Instituts für Sexualforschung die Meinung, dass Jugendliche die Fiktionalität von Pornos durchaus erkennen würden, es also eine gewisse "Porno-Kompetenz" gebe. Der Umgang von Jugendlichen mit Pornografie sei "unaufgeregter als die öffentliche Diskussion darüber". Kritiker widersprechen dieser liberalen Einstellung. Sie glauben, dass Pornografie die Sexualität junger Menschen stärker beeinflusst als gedacht. Dass Online-Pornos bei Jugendlichen zumindest unerfüllbare Erwartungen an Sex und Selbstzweifel am eigenen Körper auslösen können, gilt als sicher. Inwiefern Pornos aber tatsächlich Modellcharakter haben, bleibt Untersuchungsgegenstand.

Was sicher ist: Streaming-Plattformen wie Pornhub, YouPorn oder Xvideos haben den Zugang zu Pornografie leichter denn je gemacht. Und sie sind erfolgreich: Pornhub liegt laut dem Analysedienst Alexa derzeit auf Platz 52 der meistbesuchten Websites weltweit. Das von dem deutschen Unternehmer Fabian Thylmann gegründete Konglomerat mehrerer Plattformen ist längst ein führender Anbieter in der Pornobranche – und das Geschäftsmodell bedroht die traditionellen Produzenten und Verleihe. Schließlich gibt es auf den Seiten praktisch alles gratis und nicht selten laden Nutzer urheberrechtlich geschützte Inhalte der Studios ohne deren Erlaubnis hoch.