Wie so viele Erfolgsgeschichten der Internetbranche beginnt auch diese in einem Studentenwohnheim. Im Jahr 2009 hatte Alan Schaaf gerade sein Informatikstudium begonnen und war von seiner öden Heimat in Ohio ebenso genervt wie von den bestehenden Fotodiensten im Internet. Schaaf gab sieben Dollar für eine Domain aus und baute sich zwischen Wohnheim und dem elterlichen Wohnzimmer seine eigene Plattform. Eine, die möglichst leicht das Hochladen und Teilen von Bildern ermöglichte. Schaaf nannte sie Imgur und präsentierte sie am 23. Februar 2009 auf Reddit: "Mein Geschenk an euch."

Acht Jahre später erzählt Schaaf diese Geschichte noch einmal auf der South-by-Southwest-Konferenz (SXSW) in Austin, Texas. Und das Publikum, bestehend aus ambitionierten Start-up-Gründern, Vertretern bekannter Unternehmen, Kreativen und Medienschaffenden, hört genau zu. Denn Alan Schaaf und seiner neben ihm sitzenden Schwester Sarah, die für die Community bei Imgur verantwortlich ist, ist etwas Besonderes gelungen: Sie haben in den vergangenen Jahren die "größte kleine Seite im Netz" erschaffen, wie das US-Magazin The Atlantic sie einst nannte.

Das trifft es gut, denn Imgur (ausgesprochen wie englisch Imager) ist ebenso simpel wie erfolgreich, vielen Menschen unbekannt und trotzdem eine der einflussreichsten Adressen der Internetkultur. In Zahlen: 150 Millionen aktive Nutzer, mehr als die Hälfte nutzt die Seite mobil. Laut dem Analysedienst Alexa liegt sie auf Platz 50 der meistbesuchten Websites weltweit. 40 Millionen US-Dollar Risikokapital konnte Imgur vor drei Jahren einsammeln. Statt in Ohio arbeitet man inzwischen mit 70 Mitarbeitern in, na klar, San Francisco.

"Die letzte Bastion einer Internetcommunity"

Dabei scheint Imgur auf den ersten Blick wenig mehr zu sein als ein Fotohost: Nutzer laden Bilder oder animierte Gifs hoch, andere Nutzer können sie anschließend bewerten und kommentieren. Ist ein Inhalt erfolgreich, schafft er es im besten Fall auf die Startseite – und von dort in den Rest des großen weiten Internets. Viele der viralen Bilder und Memes, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden, wurden zuvor auf Imgur hochgeladen. Nicht wenige sind dort auch direkt entstanden.

Das ist erstaunlich, denn die Seite galt in der Internetöffentlichkeit lange Zeit bloß als eine Erweiterung von Reddit. Obwohl es nie eine offizielle Verbindung zwischen beiden Plattformen gab, wurde Imgur von den Reddit-Nutzern in kürzester Zeit zum Standard-Fotodienst erkoren. Nun zu sagen, Imgur habe vor allem Reddit seinen Erfolg zu verdanken, ist allerdings falsch. Bereits 2013 wuchs Imgur schneller, und als Reddit vergangenes Jahr einen hauseigenen Fotoservice einführte, war das nicht etwa das Ende von Imgur. Im Gegenteil, die Seite ist längst nicht mehr auf den Traffic von Reddit angewiesen.

Auf den zweiten Blick ist Imgur nämlich mehr als eine Fotoplattform. Es ist ein "Unterhaltungsort", sagt Alan Schaaf. Seine Schwester Sarah spricht von serendipity, grob übersetzt von der Gabe, zufällig glückliche und unerwartete Entdeckungen zu machen. Andere nennen es die "letzte Bastion einer Internetcommunity". In Zeiten, in denen Plattformen wie Facebook und Spotify ihre Nutzer mithilfe von Algorithmen immer enger angepasste Inhalte zuspielen und sich Plattformen wie Reddit in Zigtausende Unterforen abspalten, ist Imgur das Gegenstück. Es gibt keine Algorithmen, keine Vorauswahl. Jedes Bild wird gleich behandelt, die Community entscheidet, ob es ein viraler Erfolg wird oder nicht.

Nun wird der Community-Begriff nicht nur auf Fachkonferenzen wie dem SXSW gerne als Buzzword durch die Hallen posaunt. Im Fall von Imgur aber ist er angebracht. "Es gibt eine kulturelle Sprache auf der Seite", sagt Sarah Schaaf. Diese zeige sich in der Art und Weise, wie die Nutzer Inhalte erstellen, darauf reagieren und sie verbreiten. Als Beispiel nennt sie den Nutzer namens ANewBadlyPhotoshoppedPhotoOfMichaelCeraEveryday, der ein Jahr lang fast täglich ein Bild des Schauspielers Michael Cera in andere Bilder hineinretuschierte und damit ein plattformweites Phänomen erschuf: Plötzlich war auf Imgur niemand mehr vor Michael Cera sicher.