Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit, heißt es. Auf der South-by-Southwest-Konferenz (SXSW) in Austin beginnt sie auf dem Klo. In zahlreichen Toiletten der teilnehmenden Hotels und des Kongresszentrums erinnern Poster an Werte wie Inklusion, Vielfalt und Fortschrittlichkeit. Gleichzeitig distanzieren sich die Veranstalter von einem geplanten Gesetz in Texas, das Transgender-Menschen die freie Toilettenwahl verbieten würde: Diese Gesetzgebung sei diskriminierend. Und jetzt bitte nicht vergessen, die Hände zu waschen.

Nicht nur den Toilettenbesuchern wird auf der diesjährigen SXSW klar: Es wird politisch. Schon während der Eröffnungsrede am Freitag sagte der Programmdirektor Hugh Forrest, man wolle die Menschen dazu bringen, zusammenzuhalten. Nur gemeinsam könne man eine fortschrittlichere Zukunft schaffen. South by Southwest, das in den achtziger Jahren als kleines Musikfestival begann, hat sich im vergangenen Jahrzehnt zu einer der wichtigsten Digital- und Technikkonferenzen der Welt entwickelt. An ihr lässt sich ablesen, wie die Branche sich gerade fühlt.

Trump ist allgegenwärtig

"SXSW war schon immer politisch", sagte Forrest, doch selten sei es so leidenschaftlich zugegangen. In jedem Fall hat sich die Einstellung noch einmal verändert. Als im vergangenen Jahr Barack Obama als erster amtierender US-Präsident seinen Auftritt in Austin feierte, diskutierten die Teilnehmer vor allem über die Entfremdung zwischen Technik und Politik, zwischen dem Silicon Valley und Washington. Ein Jahr später geht es für die SXSW-Besucher, die Start-up-Gründer, Techies und Visionäre um Größeres: die Weltrettung. Oder zumindest die Rettung der eigenen, kleinen Wirklichkeit. Um Widerstand. Jedenfalls ein bisschen.

14 Vorträge tragen in diesem Jahr den Namen Trump im Titel. Das ist gemessen an mehr als 1.300 Vorträgen nicht viel, zumal viele davon einer Reihe mit dem Titel "Technik unter Trump" angehören. Dennoch ist der neue US-Präsident allgegenwärtig in Austin, und das nicht nur in Form von Karikaturen auf Flyern und Postern, die an den Straßenlampen kleben. In den Vorträgen selbst, auf den Gängen, in der Schlange vor dem Tacotruck hört man seinen Namen, häufig gefolgt von wahlweise abfälligen, sarkastischen oder enttäuschten Sätzen.

Nur fünf Monate nach seiner Wahl sind Donald Trump und seine rechtskonservative Politik das neue Feindbild für viele Besucher der SXSW. Wohl nie zuvor in der Geschichte des Festivals gab es so viele Vorträge, die sich mit der politischen Gegenwart in den USA beschäftigten. Und längst geht es dabei neben Technik um die gesellschaftliche Verantwortung, der sich jeder bewusst sein sollte.

Minderheiten, Fake-News, Kulturpolitik

Vor zwei Wochen hat die neue Regierung den von Obama beschlossenen Schutz für Transgender-Menschen rückgängig gemacht. Auf der SXSW geht es in gleich mehreren Panels um den Schutz von Minderheiten, um Ungerechtigkeit, um Gesundheitsvorsorge und den Umgang mit Migranten – "Brücken bauen, wo andere Mauern aufziehen wollen" ist sowohl der Titel eines Vortrags als auch die Devise vieler Besucher. Wohl auch, weil Pläne wie ein Einreiseverbot für Muslime oder strengere Visavergaben ein Problem für viele Technikunternehmen sind.

Ein zweites Thema, das sich durch viele Vorträge zieht, sind Fake-News und die Rolle der Medien in den USA. Während renommierte Journalisten wie Dan Rather und Brian Stelter einen "Kampf zu Hause" beschwören, den sie gegen die aggressive und auf Lügen basierende Rhetorik führen, zeigen sich andere reumütig. Sam Sanders, Korrespondent von NPR, etwa spricht in einem Vortrag über die Fehler der Medien: Sie hätten der Öffentlichkeit vermittelt, die Wahl sei praktisch vorab entschieden gewesen – und dabei verschätzt, wer am Wahltag tatsächlich seine Stimme abgab.

Drittens taucht Trump auf der Konferenz an Stellen auf, die mit ihm auf den ersten Blick nichts zu tun haben sollten. "Das so viele von euch da sind, sollte ein Zeichen an unseren Präsidenten sein, Bildung- und Kulturetats nicht zu kürzen", sagte etwa Karen Wong vom New Museum in New York in einem Panel über die Zukunft von Museen. An anderer Stelle geht es um den Breitbandausbau in ländlichen Gegenden. 

USA - Frauenrechtlerinnen begehren gegen Trump auf Schon im Wahlkampf hatte Donald Trump mit sexistischen Aussagen für Schlagzeilen gesorgt. Viele sehen die Zukunft der Frauenrechte nach seinem Amtsantritt in Gefahr. © Foto: Lucy Nicholson/Reuters