ZEIT ONLINE: Googles Abteilungen für künstliche Intelligenz (KI), Brain und DeepMind, sorgen ständig für Schlagzeilen. Ihre künstlichen neuronalen Netzwerke besiegen Champions im Strategie-Brettspiel Go, entwickeln eigene Verschlüsselungstechniken und können nun sogar schon selbstständig Objekte in Videos erkennen. Welche Nachricht hat Ihnen am besten gefallen?

Vinton G. Cerf: Keine davon, sondern etwas, dass wir in einem unserer Rechenzentren gemacht haben. Einmal pro Woche hat dort bisher jemand die Algorithmen zur Steuerung des Kühlsystems angepasst, auf Basis des Energieverbrauchs der vergangenen Tage. Dann kam jemand auf die Idee, ein neuronales Netzwerk darauf zu trainieren, diese Aufgabe zu übernehmen: Alles, was den Stromverbrauch erhöht, bedeutet negatives Feedback für das Netzwerk, alles was ihn senkt, positives Feedback. Das Ergebnis war eine Riesenüberraschung: Die Kosten für die Kühlung sanken um gewaltige 40 Prozent. Natürlich haben wir das sofort auch in allen anderen unserer Rechenzentren eingeführt.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile denkt sogar der britische Stromnetzbetreiber National Grid darüber nach, mithilfe von Google DeepMind den Stromverbrauch zu optimieren.

Cerf: Da ist die Frage, ob das Kontrollzentrum das richtige Feedback produziert, um ein neuronales Netzwerk zu trainieren. Aber ich halte es für absolut möglich, dass es funktioniert.

ZEIT ONLINE: Es wäre wohl ein gutes Beispiel für die Ära der künstlichen Intelligenz, die Google-CEO Sundar Pichai vor knapp einem Jahr ausgerufen hat. Inwiefern wird dieses Zeitalter anders aussehen als die Gegenwart?

Cerf: Ich war Ende Januar in Singapur, und da gibt es ein Projekt, an dem auch die ETH Zürich beteiligt ist: Man versucht ein möglichst detailliertes 3D-Modell der Stadt zu entwickeln, um deren Ressourcenverbrauch und den Verkehr zu verstehen. Die Idee ist, dass die Stadt später selbst einmal ihren Soll-Zustand kennt und dank vieler Sensoren auch ihren Ist-Zustand. Nach einem Abgleich könnte etwa der Verkehrsfluss angepasst werden. Ich habe mich selbst durch diese 3D-Projektion bewegt. Sogar Menschen ließen sich erkennen, die sich irgendwohin bewegen. Zuerst dachte ich, das ist wie im Film Matrix, in dem die Menschen nur Simulationen sind. Aber im Ernst, Smart Cities sind das nächste Ding, das ist nicht nur ein Buzzword.

ZEIT ONLINE: Und welche Rolle wird Google in dieser Gesellschaft einnehmen?

Cerf: Im Moment investieren wir viel in künstliche neuronale Netze, aber auch in die Forschung zu Quantencomputern. Und natürlich stecken wir eine signifikante Menge Arbeit ins Internet der Dinge, so etwas wie Google Home, Google Assistant und Nest. Aber wir haben KI bisher kaum mit dem Internet der Dinge zusammengebracht, außer im Assistant, der Übersetzungen und ansatzweise eine Smart-Home-Steuerung ermöglicht. Das heißt, wir sind noch nicht so weit, uns wirklich auf die Architektur von Smart Cities oder zunächst einmal Smart Homes zu konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Sie selbst gehören zu denen, die davor warnen, das Internet der Dinge allzu gedankenlos aufzubauen.

Cerf: Ja, ich habe da einige Bedenken, allein schon, was das Smart Home angeht. Zum Beispiel sollten Kinder darin nicht die gleichen Berechtigungen haben wie Erwachsene. Was ist mit Gästen? Wie übergibt man die ganze integrierte Technik, wenn man sein Haus verkauft? Im Moment widmet niemand diesen Fragen genügend Aufmerksamkeit.