Vinton G. Cerf (Archivbild von 2014) hat die Grundlagen des Internets mitentwickelt und arbeitet heute für Google – als "Chief Internet Evangelist". © Alex Wong/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sie haben den Internet-Vorläufer Arpanet und die grundlegenden Protokolle des heutigen Internets mitentwickelt. Zunächst ging es darum, Menschen zu vernetzen, die am Computer sitzen. Heute sind wir an einem Punkt, an dem Milliarden von vernetzten Sensoren und Maschinen mit anderen Maschinen kommunizieren, sie lernen dabei selbstständig und treffen Entscheidungen für und über uns. Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass es so kommen würde?

Cerf: Absolut. Am Arpanet-Projekt waren ja unter anderem auch die Universitäten Carnegie Mellon, Stanford und das MIT beteiligt. Und was haben die noch entwickelt? Künstliche Intelligenz! Lernende Maschinen bis hin zum berühmten General Problem Solver. Ich will nicht behaupten, wir seien Hellseher gewesen, aber wir wussten, dass wir solche Systeme wollten und experimentierten damit.

ZEIT ONLINE: Heute gibt es dieses Internet der Dinge. Wie stellen wir nun sicher, dass es "die Gesellschaft voranbringt und nicht nur die Technologie", wie Sie es mal formuliert haben?

Cerf: Viele Hersteller von vernetzten Geräten haben heute nur ein Ziel: ihre Produkte zu verkaufen. Ich aber würde mir wünschen, dass das Internet den Menschen messbar hilft, sei es in der Bildung, im Gesundheitswesen oder in anderen Bereichen. Deshalb sollte man sich auf die Entwicklung solcher Produkte konzentrieren. Ich arbeite daran, in der Organisation People Centered Internet. Wir wollen das Internet dorthin bringen, wo es noch keines gibt, und wir unterstützen die Entwicklung von nützlichen Anwendungen und Inhalten. Ich sage nicht, dass sich gerade alles in eine falsche Richtung entwickelt, aber wir schenken hilfreicher Technik nicht so viel Aufmerksamkeit, wie wir könnten.

ZEIT ONLINE: Und was machen wir mit den vielen schrecklich unsicheren vernetzten Geräten, die schon verkauft wurden, sich kaum updaten lassen und allenfalls als Botnetz-Futter taugen? Müssen wir die erste Generation des Internets der Dinge einfach abhaken?

Cerf: Diese erste Generation besteht ja in großen Teilen aus Geräten, die sich einzeln über das Smartphone ansteuern lassen. Das skaliert nicht besonders gut. Die vielen Hersteller werden bald erkennen, dass alles viel besser wäre, wenn es ein paar gemeinsame Standards gäbe. Und früher oder später werden die Konsumenten ohnehin mehr verlangen.

ZEIT ONLINE: Es gibt ja Ansätze in der Industrie, solche Standards zu entwickeln. Open Interconnect Consortium, AllJoyn, IEEE, ITU, Apple HomeKit und wie sie alle heißen. Aber das geht alles furchtbar langsam.

Cerf: Ja, und alle denken: Mein Zeug kommt als erstes auf den Markt und wird dann der führende Standard. Aber so funktioniert das nie. Sie alle werden irgendwann von der Realität eingeholt werden und sich dann zu einer großen Koalition zusammenschließen.

ZEIT ONLINE: Das kann noch Jahre dauern. Und so lange wird der Schrott weiterverkauft.

Cerf: Es gibt mehrere Szenarien. Entweder benutzen Konsumenten den Kram, obwohl sie wissen, dass er unsicher ist, aber es ist ihnen egal. Oder die Geräte lassen sich noch upgraden. Oder die Hersteller fangen noch mal von vorne an, mit Geräten, die untereinander kompatibel sind. Das muss irgendwann passieren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das Internet der Dinge ein Erfolg werden soll, wenn wir irgendwann 30 verschiedene Standards haben und versuchen müssen, zwischen ihnen hin und her zu übersetzen.