Irgendwo gibt es sie noch, die alten Computer. Auf verstaubten Dachböden, in vergessenen Kisten im Keller und in der Garage von Opa liegen vielleicht noch Exemplare eines Commodore 64, Apple Macintosh, Amiga 500 oder Atari ST herum. Fossile aus den achtziger Jahren, als Computer nicht mehr nur bei der Nasa und in Büros, sondern erstmals auch zu Hause standen.

Jüngere Menschen kennen die Computer mit klobigen Tastaturen und Schwarz-Weiß-Bildschirmen höchstens von Bildern oder vom Schulausflug ins Technikmuseum. Die Software, die auf ihnen lief, können sie aber auch im Museum nicht sehen. Das findet der amerikanische Historiker und Archivar Jason Scott schade: "Software hat einen kulturellen Wert und sie sollte ebenso verfügbar sein wie Bücher oder Filme", sagt er.

Er versucht deshalb, alte Software neu verfügbar zu machen – mithilfe von Emulatoren. Diese simulieren alte Hard- und Software und ermöglichen somit, deren Anwendungen auf aktuellen Betriebssystemen oder direkt im Browser laufen zu lassen. In den vergangenen Jahren hat Scott für das Internet Archive, das Websites, Videos und Software online archiviert, bereits emulierte Konsolen- und Arcade-Games gesammelt sowie Spiele und Programme für die alte Windows-Version 3.x.

Nun hat Scott eine Kollektion für den Apple Macintosh zusammengestellt. 44 Anwendungen konnte Scott gemeinsam mit Unterstützern auftreiben, weitere sollen folgen. Alle lassen sich direkt im Browser starten.

System 7

Der Emulator zeigt den Nutzern die Benutzeroberfläche, die ab den späten achtziger Jahren auf den Macintosh-Rechnern lief. 1984 führte Apple die erste Version des Betriebssystems Mac OS ein, es hieß schlicht: System 1. Gemeinsam mit dem wenig später erschienenen Windows von Microsoft sorgte es für den Aufstieg der Heimcomputer. 

In Scotts Sammlung lassen sich unter anderem komplette Versionen von Apples System 6 (1988) und System 7 (1991) emulieren. Einige der Funktionen von damals, zum Beispiel Teile der Systemsteuerung, haben bis zum aktuellen macOS überlebt.

MacWrite

Eines der wichtigsten Programme, das von der grafischen Benutzeroberfläche profitierte, war MacWrite. Es war ein WYSIWYG-Schreibprogramm (what you see is what you get) und unterschied sich damit von den Kommandozeileneingaben von Systemen wie etwa MS-DOS oder dem C64. Nutzer konnten Schriftart, Ausrichtung und Einschiebungen direkt am Bildschirm per Maus und den entsprechenden Menüs verändern, sodass sie direkt sahen, wie die ausgedruckte Seite aussehen würde. Was heute selbstverständlich ist, war damals revolutionär.

Ein MacPaint-Bild der Grafikdesignerin Susan Kare, die an der grafischen Oberfläche des Macintosh mitgearbeitet hat.

Die zweite wichtige Anwendung war MacPaint, eines der ersten Bildbearbeitungsprogramme. Das Bearbeiten von Grafiken und Bildern auf Schwarz-Weiß-Bildschirmen mag krude anmuten, aber es ermöglichte bereits vor mehr als 33 Jahren, erstaunliche Werke zu erstellen. MacPaint kostete bei der Veröffentlichung gemeinsam mit MacWrite übrigens 195 US-Dollar.

"Gemstone Warrior"

In Jasons Scotts Sammlung finden sich nicht nur Anwendungen, sondern auch Spiele. Zum Beispiel Gemstone Warrior, das zunächst exklusiv für den Apple II und später den Macintosh erschien. Für viele Menschen war es das erste Computerspiel. Sie mussten mit der Spielfigur ein Relikt finden und auf dem Weg Gegnern mit Pfeil, Bogen und magischen Gegenständen den Garaus machen. Weitere bekannte Spiele in der Sammlung sind Lemmings, Dark Castle und Airborne.

Microsoft Flight Simulator 1.0

Nicht alle der Spiele funktionieren im Emulator reibungslos; teilweise ist die Verzögerung groß und die Steuerung deshalb ungenau. Aber sie zeigen, wie weit die Technik in 30 Jahren gekommen ist. Kaum etwas demonstriert das so gut wie die erste Version des Microsoft Flight Simulator, den es, wie andere Microsoft-Anwendungen auch, für den Macintosh gab. Denn während das Spiel bereits Wolken-Physik und den knatternden Propellermotor simulieren konnte, wirkt die Grafik grobschlächtiger als der Kundenservice von United Airlines.

Für einige Minuten Retro-Spaß ist die Sammlung trotzdem gut. Und sie bietet Jüngeren die Möglichkeit, einen Einblick in längst vergessene Computerzeiten zu bekommen. "Einen Screenshot eines alten Macintosh-Desktops zu sehen, ist eine Sache", sagt Jason Scott im Gespräch mit dem US-Magazin Wired, "tatsächlich mit der Maus darauf herumzuklicken eine andere."