Ein Diplomat ist Alex Stamos wahrlich nicht. Als er noch Chief Information Security Officer von Yahoo war, legte er sich mal auf offener Bühne mit NSA-Direktor Michael Rogers an, und auch sonst gilt er als jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Vor knapp zwei Jahren jedoch wechselte Stamos von Yahoo zu Facebook, seither ist er zumindest in seinen offiziellen Verlautbarungen zurückhaltender geworden. Man muss jetzt zwischen den Zeilen lesen. Das zeigt insbesondere ein Satz aus dem am Donnerstag veröffentlichten Whitepaper von ihm zwei anderen Sicherheitsexperten des Unternehmens über Information Operations and Facebook.

Der Satz lautet: "Our data does not contradict the attribution provided by the U.S. Director of National Intelligence in the report dated January 6, 2017" – Unsere Daten widersprechen nicht der Zuschreibung des Direktors der US-Geheimdienste vom 6. Januar. Gemeint ist dieser Bericht über "Russische Aktivitäten und Absichten in den jüngsten US-Wahlen".

Stamos und seine Kollegen werfen also Russland vor, Facebook in großem Maßstab für Manipulationen und Meinungsmache im US-Wahlkampf missbraucht zu haben. Für Silicon-Valley-Verhältnisse ist die Formulierung im Whitepaper bemerkenswert. In mehrerlei Hinsicht.

Technikfirmen halten sich aus Geopolitik sonst lieber heraus

Erstens ist es immer noch ungewöhnlich, dass sich ein US-Unternehmen derart zu geopolitischen Angelegenheiten wie dem Thema Wahlbeeinflussung äußert und dabei – wenn auch nur indirekt – Namen nennt. Anders als eine Regierung, die vielleicht auf ein Zusammenrücken der Bevölkerung im eigenen Land hoffen kann, hat Facebook dabei nämlich nichts zu gewinnen.

Zweitens geht mit dem Satz wie auch mit dem ganzen Dokument ein Eingeständnis einher: Facebook wird von staatlichen oder staatlich unterstützten Akteuren als geeignete Plattform für den Informationskrieg angesehen.

Drittens räumt Facebook damit ein, dass es die Versuche der Wahlbeeinflussung nicht hat unterbinden können. Solche Schwächen gestehen börsennotierte US-Technikunternehmen extrem selten ein, zumal Facebook im vergangenen Jahr des Öfteren wegen der Auswahl oder Moderation von Inhalten kritisiert wurde.

Bloß kein zweiter Fall Podesta

"Wir mussten unseren Sicherheitsfokus erweitern", heißt es eingangs in dem Paper, "von traditionellem missbräuchlichen Verhalten wie dem Hacken von Zugangsdaten, Spam und Betrug auf subtilere und heimtückischere Formen des Missbrauchs, inklusive Versuchen, den öffentlichen Diskurs zu manipulieren und Menschen in die Irre zu führen".

Information operations nennt Facebook solche Versuche staatlicher (aber auch nicht staatlicher) Akteure, "politische Stimmungen im In- oder Ausland zu verzerren, zumeist, um ein strategisches und/oder geopolitisches Resultat zu erzielen".

Der überstrapazierte Begriff Fake-News sei dabei nicht geeignet, um diese Operationen zu beschreiben. Facebook spricht lieber von Falschmeldungen, die seriös erscheinen sollen, aber absichtlich irreführend sind.

Diese Inhalte seien aber nur ein Teil des Problems. Ein anderer sind demnach Hacks gegen Facebooknutzer, aber auch außerhalb der Plattform. Auch wenn der Name Google im Dokument nicht fällt – gemeint ist die Phishingattacke auf das Gmail-Konto von Hillary Clintons Wahlkampfleiter John Podesta. Letztlich war sie auch ein Problem für Facebook. Denn die Täter ließen Podestas E-Mails über WikiLeaks verbreiten, von wo sie ihren Weg in die Berichterstattung vieler Medien fanden, die ihre Artikel dann unter anderem auf Facebook verteilten.

Dort werden sie dann von eigens eingerichteten Accounts aufgegriffen, die Facebook "falsche Verstärker" nennt: koordiniert arbeitende Fake-Accounts, die angelegt werden, um kurzfristig politische Diskussionen auf Facebook zu kapern und bestimmte Themen zu verstärken oder zu verharmlosen. Langfristig seien sie mitunter dazu da, Misstrauen in politische Institutionen zu sähen und Verwirrung zu stiften.