Für die Werbebranche war es eine schockierende Nachricht: Wie das Wall Street Journal im April aus vertraulichen Quellen berichtete, arbeitet Google an einem Werbeblocker für den konzerneigenen Browser Chrome.

Zwar ist Google bei Weitem nicht das erste Unternehmen, das einen Werbeblocker mit einem Browser ausliefert. Doch im Gegensatz zu Google sind die anderen nicht fast ausschließlich auf Werbeerlöse angewiesen, um ihr Geschäft zu finanzieren. Wenn Google an der Begrenzung von Werbung arbeitet, ist das so, als ob ein Autohersteller nicht nur eine eigene Fahrrad-Serie herausbringt, sondern sich auch aktiv darum bemüht, auf deutschen Autobahnen ein verbindliches Tempolimit einzuführen.

Dennoch äußern sich erste Unternehmen positiv über die Initiative des Marktführers. Was am Zustand der Onlinewerbung liegt.

Bessere Werbung durch weniger Werbung

Schon im vergangenen September hatte Google zusammen mit Branchenverbänden, dem Werbekonzern Group M, dem Konkurrenten Facebook und einigen weiteren Branchengrößen die Coalition for Better Ads gegründet, die Koalition für bessere Werbung. Deren erklärtes Ziel ist es eigentlich, die in den letzten Jahren stark gestiegenen Nutzung von Werbeblockern wieder zu senken.

Um dies zu erreichen, muss die Werbeindustrie jedoch kollektiv einen Schritt zurücktreten. So werden Internetnutzer auf immer mehr Websites von automatisch losplärrenden Videos empfangen, die längst als ausgerottet geltenden Pop-ups sind wieder omnipräsent und selbst auf seriösen Seiten findet man immer wieder Werbung mit absurd anmutenden Schockfotos. Kurzum: Werbung wird überwiegend als Ärgernis wahrgenommen.

Um diese Entwicklung zu stoppen und die seit Jahren fallenden Preise für Werbeeinblendungen zu stabilisieren, kommt die Industrie nicht um extreme Maßnahmen herum. Deshalb erscheint ein Adblocker von Google nur folgerichtig, um den Werbemarkt insgesamt zu retten.

Stütze des World Wide Web

Werbung bestimmt oft, wie wir das Internet erleben. Angebote wie Twitter hängen davon ab, ob sie die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer monetarisieren können. Von Facebook über WhatsApp bis zum E-Mail-Provider – viele Angebote, mit denen wir täglich zu tun haben, werden durch Werbung finanziert. Das gilt auch für den größten Teil des Onlinejournalismus.

Dass sich der Markt für Onlinewerbung in eine falsche Richtung bewegt, wurde bis vor wenigen Jahren kaum diskutiert, schließlich konnte die Branche jedes Jahr satte Wachstumsraten vorweisen. Die Debatte änderte sich, als Ende 2011 das Kölner Unternehmen Eyeo das Acceptable-Ads-Programm vorstellte. Das Angebot: Werbetreibende können ihre Werbung auch bei den Nutzern des beliebten Werbeblockers Adblock Plus ausspielen, wenn sie sich an gewisse Regeln gegen nervende Werbung halten und ab einer gewissen Größe einen Teil ihrer Umsätze an Eyeo abführen.

Bei den Werbeanbietern stieß das Angebot auf Widerstand: Gleich sechs deutsche Medienhäuser klagen derzeit gegen Eyeo. Verleger- und Werbeindustrie-Verbände fordern ein gesetzliches Verbot von Adblockern. Bei den Nutzern ist die Software dafür um so beliebter: Adblock Plus ist nach Angaben des Unternehmens inzwischen auf mehr als 100 Millionen Geräten installiert.