Bitcoin ist ein Zombie, einfach nicht totzukriegen. Von Journalisten, Wirtschaftsexperten, Bankern und Politikern immer wieder für gescheitert erklärt (allein diese Seite listet 130 sogenannter Bitcoin-Todesanzeigen auf), steht es aktuell besser denn je um das erste rein digitale Internetgeld. Seit Beginn des Jahres hat sich der Wert des Bitcoins mehr als verdoppelt. Wer heute einen Bitcoin kaufen möchte, muss dafür knapp 2.000 Euro bezahlen. Alle Bitcoins zusammen sind aktuell gut 35 Milliarden US-Dollar wert. Wäre Bitcoin im Dax gelistet, so stünde es mit diesen Werten auf Augenhöhe mit der Deutschen Bank.

Für ein mutmaßlich gescheitertes Experiment sind das erstaunliche Zahlen. Dass die Bundesbank angesichts einer solchen Kursentwicklung regelmäßig vor einer Spekulationsblase gewarnt hat, überrascht nicht. Es ist sogar gerechtfertigt. Historisch betrachtet ist der Bitcoin-Kurs in den vergangenen Jahren immer wieder in die Höhe geschossen, um anschließend fast genauso schnell einzubrechen. Dennoch ist der Wert von Bitcoin unterm Strich kontinuierlich gestiegen. In den vergangenen fünf Jahren immerhin um mehr als 55.000 Prozent.

Und auch das hat gute Gründe. Denn Bitcoin ist mehr als dieses mysteriöse Hackergeld, mit dem im Internet spekuliert wird, Drogen und Waffen im Darknet gedealt werden, und das Cyberkriminelle für Attacken verwenden, so wie jüngst im Falle des WannaCry-Trojaners. Bitcoin ist vielmehr eine bemerkenswerte Grundlagentechnologie, die zwei Dinge miteinander verbindet: Die nächste Evolutionsstufe des Geldes und die des Internets.

Der Kurs von Bitcoin bis zum vorläufigen Hoch im Mai 2017. © Screenshot/Bitcoinaverage.com

Geld per E-Mail – Wieso eigentlich nicht?

Bitcoin – oder andere sogenannte Kryptowährungen – funktionieren rein digital. Sie werden nicht von Zentralbanken ausgegeben, sondern entstehen durch Rechenverfahren am Computer. Weil das komplex ist, kommen nur langsam neue Bitcoins hinzu, die Anzahl ist zudem begrenzt. Die meisten Nutzer kaufen sich bereits bestehende Bitcoins oder Bruchteile davon auf Börsen zum jeweils aktuellen Wechselkurs ein. Die stecken dann in ihrer persönlichen virtuellen Geldbörse auf dem Computer oder Smartphone und können, in der Hoffnung auf weitere Kursanstiege, gespart oder ausgegeben werden. Zum Beispiel bei Händlern und Dienstleistern, die Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren.

Jede Überweisung funktioniert über den Abgleich kryptografischer Schlüssel und wird in einer sogenannten Blockchain gespeichert: Eine Art Register, das von einer Vielzahl an über das Internet verbundenen Rechnern verwaltet wird. Es lässt sich also weder hacken noch abschalten und jeder kann öffentlich sehen, wer wie viel Bitcoin wohin überträgt – ohne tatsächlich Namen zu verwenden zu müssen. Denn digitale Währungen benötigen keine Namen und physikalische Adressen.

Philipp Sandner, Professor der Frankfurt School of Finance & Management, erklärt es so: "Stellen Sie sich vor, ich schreibe Ihnen eine E-Mail. In der steht: 'Sehr geehrter Herr Brenneis, anbei 20 Euro. Viele Grüße, Philipp Sandner'." Das Besondere an dieser E-Mail sei, dass sich im Anhang kein Zahlungsbeleg oder Screenshot vom zuvor durchgeführten Onlinebanking befindet. Sondern tatsächlich Geld, das ich direkt aus dem Anhang ziehen und sofort weiterverwenden könnte. Überall auf der Welt und unabhängig von den Geschäftszeiten meiner Bank. Noch, relativiert Sander, ginge das technisch zwar nicht so problemlos. Aber mit Bitcoin und dem dahinterstehenden Blockchain-Prinzip hätten wir nun grundsätzlich die Möglichkeit, das endlich umzusetzen.

Die Banken befinden sich noch im letzten Jahrhundert

Geld so einfach wie eine E-Mail verschicken. Wenn man über diese Idee nachdenkt, stellt sich bald die Frage, warum das eigentlich bislang nicht geht. Mittlerweile lässt sich doch nahezu alles über das Netz versenden: E-Mails, Kurznachrichten, Fotos, Videos, Musik – Informationen jeder Art lassen sich online in Echtzeit übertragen. Doch Geld können wir uns digital nicht so einfach schicken. Zumindest nicht ohne Umwege.

Einer dieser Umwege heißt Onlinebanking. Ein Begriff, der bislang mehr verspricht, als er hält. Denn als Nutzer muss man damit zwar nicht mehr persönlich in die Filiale, um Geld zu überweisen, die eigentliche Transaktion findet letztlich aber nicht online statt, sondern wird weiterhin über die internen Verrechnungssysteme der Banken abgewickelt. So wie seit Jahrzehnten, in denen Oma Müller ihre Überweisungsträger persönlich in die Filiale bringt. Es ist die Infrastruktur des 20. Jahrhunderts, in der Transaktionen noch immer in der Zeiteinheit "Geschäftstage" verarbeitet werden.

Dass sich Bankkunden mit dieser Situation arrangiert haben, hat den einfachen Grund, dass es bislang keine wirkliche Alternative gab. Wer am bargeldlosen Zahlungsverkehr teilnehmen will, ist auf ein Bankkonto angewiesen. Und damit zwangsläufig abhängig von der Leistungsfähigkeit der dahinter stehenden Infrastruktur.