Als eine seiner letzten Amtshandlungen hat Barack Obama die Haftstrafe von Chelsea Manning deutlich verkürzt, er hat Gnade gewährt. Es wäre moralisch tatsächlich kaum zu vertreten gewesen, Manning weiter in Haft im Militärgefängnis Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas zu halten, nachdem Obama ein erstes Gnadengesuch abgelehnt hatte. Die Whistleblowerin hat bereits sieben Jahre in Haft verbracht – länger als alle Whistleblower vor ihr. Und sie hat der Öffentlichkeit mit der Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen im US-Anti-Terror-Kampf einen großen Dienst erwiesen.

Manning wurde oft vorgehalten, unverantwortlich gehandelt zu haben, indem sie 725.647 Dokumente an WikiLeaks weitergab. Tatsächlich aber begann Mannings Geschichte mit einem Versagen der Medien. Während eines Heimaturlaubs, so schreibt es die Journalistin Alexa O'Brien, die Mannings Prozess detailliert begleitete, habe Manning erfolglos versucht, die Informationen über Menschenrechtsverletzungen durch das US-Militär in den Anti-Terror-Kriegen der USA in Afghanistan und im Irak an die New York Times und die Washington Post weiterzugeben.

Beide Zeitungen berichteten nicht darüber. Gerade im Hinblick auf die umstrittene Rolle der New York Times im Vorfeld des durch George W. Bush angezettelten Irakkrieges ist dies bemerkenswert. Der Zeitung wurde vorgeworfen, die angeblichen Gefahren durch Massenvernichtungswaffen, mit denen der Krieg begründet wurde, unreflektiert von der Bush-Regierung übernommen zu haben.

Hat Manning Menschenleben gefährdet?

Und so wurde auch der Twitter-Kommentar der für die damalige Berichterstattung verantwortlichen Reporterin Judith Miller mit Hohn aufgenommen. Miller schrieb, mit Manning sei eine Frau freigelassen worden, die für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich sei. Kommentatoren bemerkten, Miller selbst habe mit ihrer falschen Berichterstattung zum Irakkrieg mit Sicherheit mehr Tode verursacht als die von Manning geleakten Dokumente. Tatsächlich ist nie belegt worden, dass durch Mannings Enthüllungen Menschen zu Schaden gekommen sind.

Nach den vergeblichen Versuchen, ihre Informationen an Medien zu geben, blieb Manning im Jahr 2010 also nur WikiLeaks, um die Dateien weiterzugeben und die Aufmerksamkeit auf jahrelange Menschenrechtsverletzungen zu lenken. WikiLeaks-Chef Julian Assange bezeichnete das Portal damals als "Publisher of Last Ressort" – eine Plattform, die bereitsteht, wenn alle anderen Medien versagen. Dass die Dokumente damals öffentlich wurden, bleibt, aller berechtigten Kritik zum Trotz, ein großes Verdienst von WikiLeaks.

Mannings Veröffentlichungen haben der Öffentlichkeit geholfen, das Ausmaß der US-Kriege im Irak und Afghanistan besser zu verstehen, ohne den Interessen der USA wirklich zu schaden. Keines der geleakten Dokumente war mit einem höheren Geheimhaltungsgrad als "Geheim" eingestuft, viele enthielten relevante Informationen, aber eben keine, die einzelne Menschen in Gefahr bringen.

Die Vorwürfe, die zur Verurteilung von Manning führten, beschränkten sich am Ende auf relativ wenige Dokumente. Es ging um 227 als "Geheim" eingestufte Dokumente, deren Veröffentlichung nach dem Espionage Act bestraft wurde. Auch von den Zehntausenden diplomatischen Berichten wurde Manning nur für die Veröffentlichung von 116 Dokumenten bestraft – viele davon wurden später sogar vom Ministerium selbst deklassifiziert. Für die Bewertung ebenfalls wichtig: Manning zeigte Reue, entschuldigte sich für die Weitergabe der Dokumente.