Wie können Menschen in der digitalisierten Gesellschaft selbstbestimmt politisch partizipieren? Wie müssen demokratische Institutionen auf die Digitalisierung reagieren? Das sind wichtige Fragen, die Wissenschaft und Gesellschaft weltweit umtreiben. Diese Themen sollen auch im Zentrum des neuen, vom Bund geförderten Deutschen Internet-Instituts stehen. Das Institut wird in Berlin gegründet, wie Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Dienstag bekannt gab.

Das Berliner Konsortium – angeführt vom Wissenschaftszentrum (WZB), dazu gehören mit FU, HU, TU, UdK und Uni Potsdam alle großen Universitäten der Region sowie weitere außeruniversitäre Institute – setzte sich gegen Konkurrenz aus München, Bochum, Karlsruhe und Hannover durch. 50 Millionen Euro vom Bund sollen in den kommenden fünf Jahren fließen, nach einer positiven Evaluation könnten fünf weitere Jahre dazukommen. Wanka erwartet, dass sich das Institut zu einem "Leuchtturm in der internationalen Wissenschaft" entwickelt.

Das Deutsche Internet-Institut ist binnen kurzer Zeit das zweite große IT-Zentrum, das in Berlin gegründet wird. Bereits im April nahm das Einstein Center Digital Future seine Arbeit auf, das mit 38,5 Millionen Euro vom Land, von den Unis und von Unternehmen finanziert wird und unter dessen Dach 50 neu geschaffene IT-Professorinnen und -Professoren forschen sollen. Für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist der Erfolg mit dem Deutschen Internet-Institut daher "ein weiterer Meilenstein auf unserem Weg zu einem international führenden Zentrum der Digitalisierungsforschung". Er sprach von einem "großen Erfolg für den Wissenschaftsstandort Berlin".

Einstein-Zentrum und Internet-Institut sollen kooperieren

Beide Einrichtungen sollen eng kooperieren, ihre Geschäftsstellen werden im Robert-Koch-Forum in Mitte einziehen. Perspektivisch werden das Einstein-Zentrum und das Internet-Institut dort komplett untergebracht, sobald das historische Bauwerk in Gänze renoviert ist.

Werden sich die Einrichtungen auch thematisch ergänzen oder drohen Dopplungen? Für UdK-Professorin Gesche Joost, die an beiden Instituten beteiligt ist, handelt es sich um "perfekt komplementäre Konzepte". Während das Einstein-Zentrum eng mit der Wirtschaft verwoben sei und sich eher auf technologische Fragen konzentriere, decke das Internet-Institut die große Frage der gesellschaftlichen Folgen des digitalen Wandels ab. Tatsächlich haben auch die Jury, die die Konzepte der fünf Standorte bewertete, die starke sozialwissenschaftliche Ausrichtung und die Exzellenz des Berliner Antrags überzeugt. Das sagte Jurymitglied Susanne Weissman, Vizepräsidentin der TH Nürnberg. In Berlin würden zudem alle an der Internetforschung beteiligten Fachrichtungen "Aushandlungsprozesse furchtlos führen". Für Weissman ist das die Voraussetzung für ein Institut, an dem auch Rechts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler forschen werden – und das sich natürlich eng mit Technikwissenschaftlern austauschen soll.

Weissman forderte, das neue Institut dürfe den digitalen Wandel nicht nur "kritisch reflexiv" begleiten, sondern müsse sich "gestaltend" einbringen. Ministerin Wanka denkt an Politikberatung, etwa bei der Frage, wie sich Informationskulturen verändern.

Folgen des digitalen Wandels für die Gesellschaft

Angelegt ist das Institut auf 60 bis 70 Forscherinnen und Forscher. Es werden fünf neue Professuren geschaffen – zusätzlich zu den 50 IT-Professuren, die ohnehin für das Einstein-Zentrum eingerichtet werden. Jeanette Hofmann, die am WZB das Konsortium für das Deutsche Internet-Institut leitet, kündigte an, der Betrieb solle im September starten. Man wolle sich ganz auf die Frage der demokratischen Selbstbestimmung in der vernetzten Gesellschaft konzentrieren. Dazu gehört für Hofmann auch das Thema Digitalisierung in der Arbeitswelt. Wie etwa könne ein vernetztes Arbeiten aussehen, ohne dass es zu einem massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen kommt? Hofmann kündigte ebenso eine Zusammenarbeit mit dem von Google in Berlin finanzierten Humboldt Institut für Gesellschaft und Internet an, das an ähnlichen Themen forscht.

Vertreter aus Politik und Wirtschaft sehen Berlin jetzt als "Hauptstadt der Digitalisierung". Das sagten zum Beispiel der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Swen Schulz und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Pop kündigte an, zwei neue "Digital Hubs" einrichten zu wollen – Orte, an denen sich Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft vernetzen können. Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, forderte, das Institut solle sich vor allem um die Chancen der Digitalisierung kümmern und enge Kontakte zu Start-ups knüpfen.