Wie grausam das klingt: Ein Kind stirbt und jemand nimmt den Eltern sein Tagebuch weg. Auch seine Briefe bekommen sie nicht zu sehen. Auf den ersten Blick erscheint es naheliegend, ein Facebookkonto und Mails mit analogen Äquivalenten zu vergleichen. Aber wie so oft ist die rechtliche Lage nicht immer intuitiv und auch nicht eindeutig – und digital ist eben nicht analog. Am heutigen Mittwoch will das Berliner Kammergericht erstmals diesbezüglich ein Urteil fällen. Die Eltern eines 2012 von einem Zug erfassten Mädchens hatten Zugriff auf ihr Facebook-Konto gefordert. Das Unternehmen weigerte sich. Nun soll das Gericht entscheiden.

"Grundsätzlich erben Erben alles, das umfasst auch den digitalen Nachlass", sagt der Rechtsanwalt Christian Solmecke. Dann kommt schon das Aber: Inwiefern davon auch Daten in sozialen Netzwerken sowie E-Mails betroffen sind, ist rechtlich nicht eindeutig – auch wenn die Mehrheit der Juristen sowie zentrale Gesetzeskommentare wie der Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch das so sehen. Es könnte jedoch auch sein, dass die Mitgliedschaft in einem sozialen Netzwerk mit dem Tod endet – vergleichbar mit der analogen Vereinsmitgliedschaft. Dann gibt es nichts zu erben. "Andere behaupten hingegen, es sei nur der vermögensrechtliche Teil des digitalen Nachlasses vererbbar, nicht aber Zugangsdaten und die Inhalte der Accounts wie Fotos und Chats", sagt Solmecke.

Mit dieser unklaren Rechtslage kämpfen auch viele sogenannte digitale Nachlassverwalter: Mehrere dieser Dienste sind in den letzten Jahren entstanden, die ersten haben schon wieder dichtgemacht oder ihr Geschäft verlagert. Denn das Versprechen "Wir sichern die Daten Ihrer Angehörigen" lässt sich nicht so einfach erfüllen.

Analog ist eben nicht digital

"Eigentlich macht es keinen Sinn, die Truhe mit Opas Briefen auf dem Dachboden anders zu behandeln als die Mails", sagt Christopher Eiler: "Wenn ich das Erbe antrete, gehören mir die Briefe." Aber die Mails nicht unbedingt, wie der Mitgründer des Dienstes Columba zu spüren bekommen hat. Columba regelt das digitale Erbe für Hinterbliebene und arbeitet mit dem Bundesverband Deutscher Bestatter zusammen.

In so einem Fall wird unter anderem argumentiert, dass auch die Rechte der Kontakte des Verstorbenen zu bedenken seien. Die würden sich darauf verlassen, dass private Chats oder Mails nur den Empfänger erreichen und eben keine Dritten. Wobei das Recht Dritter bei Briefen offenbar kein Hindernis ist. Schließlich sind in Opas Kiste auf dem Dachboden eventuell auch die Briefe seiner geheimen Liebschaften. Die Erben bekommen diese nach seinem Tod zwangsläufig zu sehen. Was also ist der Unterschied? "Briefe, die einmal beim Empfänger angelangt sind, sind nicht mehr von Artikel 10 des Grundgesetzes geschützt", sagt Solmecke, "der Schutz des Briefgeheimnisses beginnt mit der Absendung der Mitteilung und endet mit der Ablieferung."

Das Fernmeldegeheimnis schützt dieses Grundrecht. Es verbietet Eingriffe in die Übermittlung von Mails und Nachrichten im Netz. Zwar sei nur der Telekommunikationsvorgang an sich davon betroffen, sagt Solmecke: "Nach überwiegender Ansicht ist aber auch noch eine angekommene Nachricht davon erfasst, wenn sie auf einer Plattform wie Facebook gespeichert wird." Rechtlich gesehen gelten Nachrichten auf Facebook also nicht als endgültig angekommen. Grundsätzlich darf Facebook sie demnach tatsächlich nicht ohne die Einwilligung von Sender und Empfänger herausgeben. Aber es könnte eine Ausnahme greifen: Wenn Facebook nach dem Erbrecht verpflichtet ist, die Daten herauszugeben. Genau das ist aber derzeit umstritten.

Rechner des Verstorbenen hacken und auf "Passwort vergessen" klicken?

Nur wenn der Verstorbene seine Nachrichten wie E-Mails vom Provider heruntergeladen hat und die Erben Zugang zu seiner Festplatte haben, ist das wie beim Brief auf dem Dachboden zu behandeln. "Alles andere ist rechtlich schwierig, sagt Eiler." Weder er als Nachlassverwalter noch die Erben bekommen in der Regel Zugriff auf den E-Mail-Account des Verstorbenen, wenn sie das Passwort nicht selbst haben. Die E-Mail-Anbieter berufen sich auf das Fernmeldegeheimnis.

Eiler weiß von anderen Diensten, die daraufhin anfingen, digitale Forensik zu betreiben. Die versuchten, passwortgeschützte Rechner zu hacken und darüber Zugang zum Mail-Account zu bekommen. Über die Passwort-vergessen-Funktion können sich die Angehörigen dann wiederum Zugang zu Social-Media-Profilen und anderen Accounts im Netz verschaffen. "Aber das ist eine rechtliche Grauzone", sagt Eiler.

Und es ist aufwendig: Auch die Theologin Birgit Aurelia Janetzky, die mit Semno einen der ersten Dienstleister dieser Art im deutschsprachigen Raum gegründet hatte, hat so angefangen. Aber das habe sich kaum gelohnt. "Es wurde für die Kunden zu teuer und war unternehmerisch nicht rentabel", sagt sie im Interview mit digital danach. Sie habe sich deshalb auf Vorträge, Seminare und Beratung zum Thema verlegt.