Schrieben wir noch das Jahr 2007, sähe diese Nachricht so aus: Hacker stehlen fast eine komplette Staffel einer noch unveröffentlichten, preisgekrönten TV-Serie. Die Folgen landen auf Torrentseiten im Netz, wo sie millionenfach heruntergeladen werden. Während das TV-Studio panisch erwägt, den Ausstrahlungstermin vorzuziehen, haben sich die technikaffinen Fans bereits versorgt. Der Imageschaden ist groß, die Werbepartner sind sauer und die Urheberrechtslobby versucht zum drölfzigsten Mal vergeblich, The Pirate Bay aus dem Netz zu nehmen.

2017 sieht die Realität anders aus. Hacker stehlen die neue Staffel der Netflix-Serie Orange is the New Black, die eigentlich erst im Juni erscheinen soll. Sie erpressen den Streamingdienst, und als dieser nicht auf die Lösegeldforderungen eingeht, veröffentlichen sie die Folgen im Internet und hoffen auf den großen Skandal. Doch weder Netflix noch dessen Investoren noch die Fans scheint das wirklich zu interessieren. Der Fall sagt einiges über die aktuelle Beziehung zwischen legalem Streaming und illegalem Filesharing aus.

Zunächst zum Hintergrund: Am Wochenende veröffentlichten Unbekannte unter dem Namen thedarkoverlord auf Twitter Links zu zehn Folgen von Orange is the New Black. Der oder die Hacker waren im vergangenen Jahr für mehrere Angriffe auf kleine und mittelgroße Unternehmen verantwortlich und versuchten anschließend, die Inhaber zur Zahlung von Bitcoin zu zwingen. In einer Mitteilung schrieben sie, Netflix habe auf ihre Forderungen nicht reagiert, weshalb sie die Serie nun online stellen. Demnächst würden noch weitere mutmaßliche Opfer, darunter die TV-Sender ABC, National Geographic und Fox, von ihnen hören.

Keine fertige Version der Serie

Die Inhalte stammen offenbar von Larson Studios in Los Angeles, berichtet die New York Times. Demnach habe das FBI bereits im Januar von einem Angriff erfahren, die betroffenen TV-Studios aber zunächst nicht informiert. Larson ist in der Post-Produktion tätig, das Unternehmen vertont Filme und TV-Serien (und hat eine Website, die zuletzt im Jahr 2002 auf dem Stand der Zeit war). Welche Inhalte die Hacker genau entwenden konnten, ist noch unbekannt.

Im Fall von Orange is the New Black handelt es sich jedenfalls nicht um die fertigen Versionen. Die jetzt im Netz aufgetauchten Videos sind lediglich in 720p-Qualität verfügbar, einige Episoden enthalten zahlreiche Ton- und Bildfehler und die letzten beiden Folgen der Staffel fehlen komplett. Es ist, wenn überhaupt, etwas für Hardcore-Fans, die nicht noch fünf Wochen bis zum Serienstart abwarten können.

All zu viele von ihnen scheint es nicht zu geben. Auf The Pirate Bay teilen derzeit gerade einmal 1.400 Nutzer aktiv die Dateien und auch wenn sie inzwischen von anderen Bittorrent-Portalen angeboten werden, auf illegalen Streamingdiensten und auf Filehostern gelandet sind, fallen die Reaktionen auf den Leak vergleichsweise schwach aus. Netflix selbst bestätigte in einer kurzen Mitteilung lediglich, man sei über die Angelegenheit informiert und arbeite mit den Behörden zusammen. Der Aktienkurs des Unternehmens stieg am Montag sogar um zwei Prozent. Niemand glaubt offenbar, der Leak könne Netflix ernsthaft schaden.

Bittorrent verliert Nutzer

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens ist Bittorrent bei Weitem nicht mehr so beliebt wie noch vor einigen Jahren. Das Ende des Protokolls wird zwar schon länger heraufbeschworen, doch die Zahlen sind deutlich. Nach Messungen des IT-Unternehmens Sandvine machten Bittorrent-Verbindungen in Nordamerika im vergangenen Jahr weniger als drei Prozent des Internetverkehrs aus. 2008 waren es noch 31 Prozent, 2011 noch 23 Prozent. Auch aufgrund einer florierenden Abmahnindustrie haben sich mittlerweile viele Nutzer von Torrent-Downloads und anderen Peer-to-Peer-Techniken verabschiedet.

Natürlich gibt es Alternativen, allen voran illegale Streamingdienste, deren Nutzung bislang als weitestgehend sicher vor der Strafverfolgung galt, was aber gerade durch ein EuGH-Urteil infrage gestellt wurde. Doch die mangelnde Resonanz im Netz und unter den Fans der Serie zeigt auch hier: Weshalb etwas in schlechter Qualität illegal gucken, wenn es demnächst auch in 4K-Auflösung, komplett und in mehreren Sprachen und mit Untertiteln auf Netflix läuft?