Das Gourmet Haus Staudt im kalifornischen Redwood City dürfte so ziemlich allen Apple-Mitarbeitern bekannt sein. Nicht etwa, weil neben bayrischer Folklore auch 100 Biersorten und ein zünftiger Strammer Max auf der Karte stehen. Sondern weil hier vor sieben Jahren, möglicherweise beseelt vom Weißbier zu seinem 27. Geburtstag, ein Apple-Entwickler den Prototypen eines iPhone 4 vergessen hatte, der schließlich den Weg ins Technikblog Gizmodo fand. Ein gutes halbes Jahr bevor das Smartphone offiziell vorgestellt wurde, waren plötzlich die wichtigsten Details öffentlich bekannt. Es war der GAU für Apple – und Steve Jobs tobte.

Der junge Softwareentwickler hatte den Prototypen wahrscheinlich nicht absichtlich in einer Kneipe mitten im Silicon Valley vergessen. Weil er aber drei Wochen lang versuchte, den Verlust zu vertuschen, hat Apple nach dem Fall eigens eine neue Abteilung geschaffen, die Leaks verhindern und, falls es doch mal eines gibt, deren Quelle aufspüren soll: New Product Security (NPS). Eine Antileakeinheit.

Details über diese Abteilung wurden nun an das US-Internetportal The Outline ... nun ja, geleakt. Es hat eine Aufzeichnung einer einstündigen Präsentation erhalten, in denen NPS-Mitarbeiter andere Apple-Angestellte über Leaks informieren, ihnen erklären, wie man Informationen unter Verschluss hält und wie Leaks das Geschäft ihres Arbeitgebers gefährden können. Unter den Verantwortlichen der NPS und den mit ihr verknüpften Abteilungen befinden sich nach Angaben von The Outline frühere Angestellte der NSA, des FBI und des US-Militärs.

Apples Kampf gegen die Leaks

Erst vor wenigen Wochen hatte Apple-CEO Tim Cook während der Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen gesagt, die iPhone-Verkäufe litten darunter, dass "früher und viel häufiger über zukünftige iPhones berichtet" würde. Vor allem in China hätte das zu Einbußen geführt. Weil die Käufer dort mehr als in anderen Märkten stets die aktuellste Technik haben wollen, zögerten viele angeblich mit dem Kauf des iPhone 7, nachdem zu dessen Einführung schon mutmaßliche Informationen über das iPhone 8 verbreitet wurden.

Schon 2012 hatte Cook angekündigt, noch mehrin die Geheimhaltung bei Apple investieren zu wollen. Damit folgte er der Linie seines Vorgängers Steve Jobs. Als der 1997 als CEO zurück zu Apple kam, galt das Unternehmen als notorisch löchrig, was das Bekanntwerden interner Informationen anging. Wie der damalige Mitarbeiter John Lilly berichtete, führte Jobs daraufhin strengere Sicherheitsvorkehrungen ein und warnte alle Mitarbeiter explizit davor, Dinge zu leaken. Lilly schreibt, Apple habe am Wochenende nach dieser Warnung die E-Mails aller Mitarbeiter gelesen und vier von ihnen gefeuert, die trotzdem Details an Außenstehende weitergaben.

In einem neuen Buch über die Entstehungsgeschichte des iPhones schreibt der Autor Brian Merchant, während der Entwicklung seien ganze Flure auf dem Apple-Campus zusätzlich mit Kartenlesern versehen worden. Teilweise wussten Abteilungen, die an der Entwicklung beteiligt waren, nicht von der Arbeit der jeweils nächsten. In einem Labor hing ein Filmposter von Fight Club, dessen erste Regel lautet:Verliere kein Wort über den Fight Club. Oder in diesem Fall eben über das geheime Projekt, aus dem später das iPhone werden sollte.

Die von Jobs eingeführte und später von Cook übernommene Kultur der Verschwiegenheit zeigte Wirkung. Heute gilt Apple als vergleichsweise sicher, was die Leaks von neuen Produkten angeht, meistens jedenfalls. Die Existenz der AirPods und deren Funktionen etwa war im vergangenen Jahr schon Monate vor der Vorstellung bekannt. Über das kommende iPhone dagegen gibt es derzeit lediglich Gerüchte.

2,7 Millionen Kontrollen am Tag

In der nun – ironischerweise ebenfalls geleakten – Präsentation geben die Verantwortlichen einen interessanten Einblick in Apples Kampf gegen unerwünschte Informationsweitergabe. So wird als eine Schwachstelle die Produktionskette in China erwähnt. Dort werden die Geräte schon Wochen vor dem Verkaufsstart gefertigt. Milliarden Bauteile werden dabei verwendet und immer wieder bekommen Arbeiter für chinesische Verhältnisse viel Geld angeboten, damit sie Einzelteile nach draußen schmuggeln. Vor allem Gehäuse sind gefragt, denn davon lässt sich am ehesten auf die Funktionen und das Design schließen.

Vor einigen Jahren hätten Frauen rund 8.000 iPhone-Gehäuse in ihren BHs aus einer Fabrik geschmuggelt, sagt David Rice, Apples weltweiter Sicherheitschef in der Aufzeichnung. Mittlerweile kontrolliere das Sicherheitsteam von Apple allein an 40 Standorten in China jeden Tag 2,7 Millionen mal die Mitarbeiter, zum Beispiel jedes Mal wenn sie eine Fabrik betreten oder verlassen. Rice, ein früherer NSA-Analyst und Kryptologe der US-Navy, sagt, Apple führe in China einen "ständigen Grabenkrieg". Angeblich mit Erfolg: Im vergangenen Jahr seien von 65 Millionen hergestellten Gehäusen gerade einmal vier gestohlen worden.