Der martialische Aufruf zur Hetzjagd auf den Intercept-Journalisten Matthew Cole vor wenigen Tagen war ein trauriger Höhepunkt in der Geschichte von WikiLeaks. 10.000 Dollar lobte WikiLeaks auf Twitter für die "öffentliche Bloßstellung" und "termination" Coles aus, weil er mitschuldig sei an der Enttarnung der NSA-Whistleblowerin Reality Winner. Ob damit "Entlassung" oder "Auslöschung" gemeint war, blieb unklar.

Doch die Zahl der Unterstützer von WikiLeaks-Gründer Julian Assange war schon vor der idiotischen Aktion ziemlich geschrumpft. In ihrer neuen Dokumentation Risk zeichnet die oscarprämierte Filmemacherin Laura Poitras (Citizenfour) nun auch noch ein recht ambivalentes Bild vom "großen Vorsitzenden" der Enthüllungsplattform: Herrisch, egozentrisch und auf die eigene Wirkung bedacht zeigt sich Assange während der Arbeit in Norfolk zwischen 2010 und 2011, ebenso wie während der Fahrt zu seinen ersten Verhandlungen an britischen Gerichten. Trotzdem webt Poitras hier und da Interpretationen der Ereignisse ein, die Assange und den anderen Machern der Enthüllungsplattform ganz offensichtlich attestieren sollen, was ihnen mittlerweile von vielen abgesprochen wird: Verantwortungsbewusstsein bei der Bloßstellung der Regierenden.

"Julian führt WikiLeaks wie einen Geheimdienst, mit Codenamen, Abschottung verschiedener Bereiche voneinander", beschreibt Poitras in Voice-over-Kommentaren, die sie ihr production journal nennt. Es erscheine ihr selbst fast schon "mysteriös", sagt sie, wie viel Einblick er ihr mit ihrer Kamera gewähre und wie weit er ihr traue, "denn ich glaube nicht, dass er mich mag".

Es gibt mindestens zwei Fassungen des Films

Bemerkenswert ist, dass diese persönlichen Bemerkungen der ursprünglich in Cannes gezeigten Erstfassung des Films nachträglich hinzugefügt wurden. Eine weitere, eigene Fassung sollen Assange und seine Anwälte für ein Screening in der Botschaft von Ecuador in London bekommen haben. Dort sitzt Assange seit fast fünf Jahren, um sich einem mittlerweile eingestellten Verfahren wegen angeblicher Sexualdelikte in Schweden, vor allem aber dem Zugriff der US-Justiz zu entziehen. Allein die Entstehung des Films mit seinen verschiedenen Versionen bietet also Stoff für eine eigene Geschichte.

Zeitlich spannt sich die neueste Version von Risk, die noch im Sommer in Deutschland zu sehen sein soll, von den Cablegate-Veröffentlichungen 2011 bis Anfang 2017, also bis zu den jüngsten Ankündigungen der US-Justiz, WikiLeaks wegen der Veröffentlichungen von CIA-Überwachungstools strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. In der in Cannes gezeigten Version hat Poitras den Wahlsieg von Donald Trump als Fanal ans Ende gestellt – und damit auch die Fragen nach der Hilfe für Trump durch WikiLeaks.

Assange steht im Mittelpunkt des Films. Poitras zeigt ihn bei Zusammenkünften mit Journalisten, Anwälten und Unterstützern. Beim Versuch, die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton direkt ans Telefon zu bekommen, um sie zu warnen, weil das Passwort für das ungeschwärzte Archiv der Cablegate-Dokumente durch Dritte preisgegeben wurde. Aber auch dabei, wie Jacob Appelbaum und andere Assanges platinblonde Haare schneiden, während der im Fernsehen eine Gymnastiksendung mit bonbonfarben gewandeten Frauen verfolgt.

Filmemacherin Laura Poitras © Danny Moloshok / rtr

Poitras räumt dem Thema Sexismus beträchtlichen Raum ein. Assange lässt Sarah Harrison die vorbereitete Presserede zur Veröffentlichung der Syria-Leaks mehrfach wiederholen, er mault seine Anwälte und Anwältinnen an, weil eine der Frauen, die ihn in Schweden der sexuellen Nötigung beschuldigt hat, Gründerin eines feministischen Nachtclubs ist.

Appelbaum wirkt auf einem Podium mit ägyptischen Telekom-Providern während des Arabischen Frühlings charismatisch, in der nächsten Einstellung aber ruft er arabische Journalistinnen und Journalisten zu "Safer Sex" bei der Nutzung des Netzes auf. Wer sich nicht mit technischen Hilfsmitteln wie dem Anonymisierungsdienst Tor schütze, dem drohe tödliche Gefahr, sagt er grinsend. Poitras geht so weit, im production journal nicht nur von ihrer eigenen kurzen Beziehung mit Appelbaum, sondern auch vom Bericht einer ihr nahestehenden Person zu erzählen, die von Appelbaum gedemütigt worden sei.