Google soll in den vergangenen Jahrzehnten mit Hunderten mitfinanzierten wissenschaftlichen Untersuchungen versucht haben, die öffentliche Debatte in den USA und Europa zu beeinflussen. Wie das Center for Accountability (CfA) berichtet, sollen laut einer Studie dafür Millionen Dollar ausgegeben worden sein. Die akademischen Autoren hätten dabei in zwei Dritteln der Fälle die Unterstützung durch Google nicht angegeben. Selbst wenn Google die Studien direkt finanzierte, fand sich demnach in einem Viertel der Beiträge kein Hinweis auf die Förderung. Google wies die Vorwürfe umgehend zurück.

"Die untersuchten akademischen Papiere umfassten ein breites Spektrum an politischen und juristischen Themen von wichtiger Bedeutung für Googles Firmengewinne, einschließlich Kartellrecht, Netzneutralität, Suchneutralität, Patente und Urheberrecht. Sie waren zudem mit bestimmten Themen verknüpft, die Google beeinflussen wollte", heißt es in der Studie. Die Autoren untersuchten demnach 329 Papiere aus den Jahren 2005 bis 2017, von denen 179 direkt und 150 indirekt von Google finanziert worden sein sollen. 

Nach Angaben des Wall Street Journal variierte die Höhe der Förderung zwischen 5.000 und 400.000 Dollar. Die Zeitung hat dazu nach eigenen Angaben die Unterlagen ausgewertet, die ihr vom CfA zur Verfügung gestellt worden waren. Zudem beruft sie sich auf einen früheren Google-Mitarbeiter und einen früheren Google-Lobbyisten.

Als indirekte Förderung wird demnach gewertet, wenn Google beispielsweise einen sogenannten Think Tank oder ein wissenschaftliches Institut mitfinanziert. In Deutschland finanziert Google etwa das 2011 eröffnete Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Der CfA-Studie zufolge förderte Google zudem eine Analyse der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität zum europäischen Leistungsschutzrecht. Zudem soll Google die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht unterstützen.

Der Logik der CfA zufolge müsste auch ein Gutachten des Internetverbandes Eco zum europäischen Leistungsschutzrecht genannt werden, da Google Germany als Eco-Mitglied dieses indirekt mitfinanzierte. Eco wollte auf Anfrage von Golem.de nicht sagen, ob das Gutachten speziell von Google finanziert worden war. Der Verband teilte lediglich mit, dass die Finanzierung von Gutachten und Studien "entweder über eigene Mittel oder im Wege der Umlage auf Mitgliedsunternehmen" erfolge. Finanzierungsmodell und Quotierung orientierten "sich in der Regel anhand Bedeutung und Relevanz eines Themas für die gesamte Branche oder Branchensegmente". 

Vergleich mit der Tabakindustrie

Die CfA beurteilte die akademischen Aktivitäten des US-Konzerns sehr kritisch: "Google ist nicht das erste Unternehmen, das wissenschaftliche Forschung finanziert, um seine unternehmerischen Ziele zu unterstützen. Aber unsere Analyse weist darauf hin, dass Google zu den Firmen gehört, die diese Praxis in jüngster Zeit mit der größten Begeisterung anwenden." Damit habe sich Google den Wirtschaftszweigen angeschlossen, die "einen korrumpierenden Einfluss auf die wissenschaftliche Forschung genommen haben, einschließlich der Tabakindustrie über den Einfluss des Rauchens und der Ölindustrie über die Klimawissenschaft".

Ebenfalls wird bemängelt, dass die Google-freundlichen Studien eine sehr weite Verbreitung fänden, obwohl die wenigsten von ihnen in Publikationen mit vorheriger Begutachtung (Peer Review) veröffentlicht worden seien. Google-Manager würden die Papiere an Behörden, Politiker und Journalisten schicken, ohne auf die Finanzierung durch das Unternehmen hinzuweisen. 

Google wies in einem Blogbeitrag die Vorwürfe zurück. Die Studie sei "hochgradig irreführend", da jede Arbeit von jedweder Organisation aufgeführt werde, der Google angehöre oder irgendwann einmal Geld gegeben habe, beispielsweise der Computer and Communications Industry Association (CCIA).

Googles Chef-Lobbyistin Leslie Miller verwies darauf, dass Wissenschaftler gemäß den Förderrichtlinien zur Transparenz verpflichtet seien und unabhängig forschen könnten. So würden geförderte Studien auch Positionen vertreten, die gegen die Interessen von Google gerichtet seien, beispielsweise zum Kartellrecht, zur Netzneutralität und zum Datenschutz.

Im Gegenzug warf Google der CfA vor, selbst intransparent zu sein und nicht anzugeben, wer das Zentrum finanziere. Es sei lediglich bekannt, dass der Softwarekonzern Oracle dahinter stehe, der sich seit Jahren mit Google über die Urheberrechte an Java-APIs streitet. Zudem würden andere Google-Konkurrenten wie AT&T, die MPAA, ICOMP oder Fairsearch ebenfalls Forschungen finanzieren, die gegen Google gerichtet seien.