Gerade erst haben Zollfahnder in mehreren Bundesländern Wohnungen durchsucht, um Käufer zu finden, die auf der Website Migrantenschreck illegale Waffen bestellt hatten. Nicht zum ersten Mal. Doch noch immer gibt es Menschen, die das nicht von dem Versuch abhält, sich diese in Deutschland verbotenen Waffen zu besorgen. So groß ist ihr Interesse daran, dass es inzwischen Betrüger gibt, die diesen Wunsch ausnutzen.

Die Migrantenschreck-Seite existiert nicht mehr. Doch im April 2017 ging eine andere Seite ans Netz, die genau die gleichen Schusswaffen offeriert. Unter waffen-bestellen.com wird mit denselben menschenverachtenden Sprüchen für Revolver und Flinten geworben, die auch migrantenschreck.ru benutzte. Daneben werden dort auch noch Schlagringe, Springmesser oder Wurfsterne angeboten – sämtlich Gegenstände, die in Deutschland verboten sind.

Der Unterschied: Der oder die Betreiber von waffen-bestellen.com verschicken die verbotenen Waffen gar nicht erst. Sie nutzen die Angst der Käufer, um nur das Geld zu kassieren.

Verbreitete Betrugsmethode

ZEIT ONLINE liegen interne Bestelldaten der Website aus den vergangenen Wochen vor. Die zeigen, dass die Kunden vergeblich auf ihre Ware warten. Typische E-Mails, die bei der Website eingehen, lauten dann beispielsweise so: "Hallo Mein Name ist (…) und ich habe vor ca. einem Monat eine Bestellung bei Ihnen aufgegeben (BestellNr. WF-1291) und direkt am nächsten Tag überwiesen. Da dass nun schon einen Monat her ist, wollte ich mal Fragen ob da vielleicht irgendwas schief gelaufen ist!"

Schief gelaufen ist da nichts, die Seite ist ein sogenannter Fake-Shop – die Waffen wurden nur zum Schein angeboten. Die Kommentare auf der Website selbst, die die Ware loben und beteuern, dass sie schnell geliefert worden sei, sind nicht echt. Sie wurden fast alle von derselben IP-Adresse aus verfasst. Was bedeutet, dass es wohl ein und derselbe Autor war, der unter verschiedenen Namen die Kommentare schrieb.

Im Internet ist das eine verbreitete Betrugsmethode, vor allem, wenn es um Dinge wie Drogen oder Waffen geht. Die Betrüger müssen sich kaum davor fürchten, entdeckt zu werden. Denn viele Besteller dürften wissen oder zumindest ahnen, dass sie etwas Illegales bestellen. Deswegen hüten sie sich davor, das Ganze anzuzeigen.

Die Anmelder der Waffenseite haben denn auch noch weitere Seiten registriert, auf denen sie mit der gleichen Masche andere Zielgruppen ausnehmen wollen. Beispielsweise die Seite zigaretten-steuerfrei-bestellen.com. Auch dort wird um Vorkasse gebeten und anschließend gibt es nie eine Lieferung.

Das Geschäft scheint sich zu lohnen. Wie die internen Daten zeigen, wurden für mehr als 12.000 Euro Waffen und sogar für mehr als 36.000 Euro Zigaretten bestellt.

Konten der Betrüger gesperrt

In beiden Fällen fühlen sich die Anbieter der Website offenbar ziemlich sicher. Zwar haben sie die Seiten selbst über einen chinesischen Dienst angemeldet. In den Bestelldaten aber finden sich mindestens vier Konten, an die das Geld überwiesen werden soll. Diese Konten wurden unter verschiedenen Namen bei einer deutschen Direktbank eingerichtet.

Nach Aussage der betroffenen Bank sind die Konten echt, auf sie sei Geld eingezahlt worden. Mindestens zwei Konten seien von derselben Person angemeldet worden, die dafür zwei verschiedene Personalausweise genutzt habe. Das erste wurde demnach im Mai 2017 eröffnet, das zweite im Juni. Die Bank hat, nachdem ZEIT ONLINE danach fragte, sofort alle Konten eingefroren und den Fall bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.

Angeblich sicheres Identifikationsverfahren ausgehebelt

Damit zeigt der Fall nebenbei, dass die Anmeldung von Konten über das Internet nicht ganz so sicher ist, wie die Anbieter glauben machen wollen. Seit mehreren Jahren gibt es in Deutschland das sogenannte Video-Ident-Verfahren. Diverse Banken nutzen es bereits als Ersatz für Post-Ident. Bei dem alten Verfahren musste man zur Post gehen und einem Mitarbeiter dort seinen Ausweis zeigen, um seine Identität zu bestätigen. Inzwischen genügt dafür ein Videochat. Dabei wird die Identität desjenigen, der ein Konto eröffnen will, mithilfe der Kamera im Smartphone oder im Rechner festgestellt. Dazu muss er in dem Chat mit einem Mitarbeiter unter anderem seinen Ausweis in die Kamera halten und ihn hin- und herkippen, damit dessen Sicherheitsmerkmale erkennbar sind.

Die betroffenen Konten wurden nach Aussage der Bank mit Video-Ident registriert. Die Bank geht davon aus, dass die Ausweise "professionell gefälscht waren". Allerdings sind gut gefälschte deutsche Personalausweise oder Pässe extrem selten. Wahrscheinlicher ist es daher, dass jemand gestohlene Ausweise von Menschen nutzte, die ihm ähnlich genug für eine Täuschung sahen. Immerhin gibt es dank Video-Ident nun Fotos der Person, die die Konten angemeldet hat. Für die Staatsanwaltschaft ist das ein Anhaltspunkt.

Mit den geprellten Bestellern muss wohl niemand Mitleid haben. Bei der Zigarettenseite geht es um Steuerbetrug. Die 50 oder 100 Euro, die sie dort gelassen haben, dürften eine Art Lehrgeld dafür sein, dass Dinge, die zu schön sind, um wahr zu sein, meistens auch nicht wahr sind.

Zweifel hatte nur ein Kunde

Schwerer wiegt der Fall bei der Waffenseite. Die Interessenten wollten Dinge kaufen, die es aus gutem Grund nirgendwo in Deutschland zu kaufen gibt. Die Bestelldaten zeigen, wie hoch trotzdem das Interesse an solchen Gegenständen ist. 137 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versuchten demnach, sich über das Verbot hinwegzusetzen.

Nur einem einzigen Kunden kamen dabei Zweifel. Er fragte, ob die angebotenen Waffen nicht vielleicht illegal seien. Wobei ihn weniger die Tatsache an sich interessierte. Er wollte nur wissen: "Also würden die denn per Post ankommen?"

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