Da hat Microsoft gerade noch rechtzeitig den Shitstormschirm aufbekommen. Als am Montag zunächst der Guardian schrieb, Microsoft werde sein kostenloses Bildbearbeitungsprogramm Paint nach 32 Jahren einstellen, ließ die Empörung nicht lange auf sich warten. Nur wenige Stunden später klärte Microsoft dann in einem Blogbeitrag auf: Keine Sorge, man liebe MS Paint immer noch und es werde weiterhin für Windows verfügbar sein.

Anstoß der Verwirrung war eine Liste von Microsoft mit Funktionen von Windows 10, die mit dem kommenden Herbst-Update des Betriebssystems als veraltet (deprecated) gelten. Das bedeutet, sie werden nicht mehr aktiv weiterentwickelt und könnten in Zukunft komplett aus dem System entfernt werden. Zu diesen Funktionen zählt auch MS Paint. Wie Microsoft später klarstellte, wird das Programm aber vorerst nicht verschwinden. Nutzer können es weiterhin gratis über den Windows Store installieren. Standardmäßig sollen die Windows-Nutzer künftig allerdings die neue App Paint 3D nutzen.

MS Paint lebt also weiter. Trotzdem darf man fragen, weshalb schon die Meldung über sein drohendes Ende so heftige Reaktionen unter den Nutzern hervorruft.

Paint gehört zu Windows wie "Minesweeper"

Die naheliegende Antwort lautet Nostalgie. 1985 wurde Paint gemeinsam mit Windows 1.0 ausgeliefert. Für viele PC-Nutzer dürfte es der erste Kontakt mit einem Bildbearbeitungsprogramm gewesen sein. Paint war kostenlos, aber nicht besonders anspruchsvoll. Die Funktionen waren eingeschränkt und die Software unterstützte lange Zeit nur die Bitmap- und PCX-Dateiformate. Erst mit Windows 98 gab es überhaupt standardmäßig die Option, Bilder als JPG oder GIF zu speichern. Der Funktionsumfang wurde in den vergangenen 32 Jahren auch sonst kaum erweitert: Pinsel, Farbtopf, Pipette, Radierer und ein paar geometrische Formen – viel mehr gibt es bis heute nicht.

Für anspruchsvolle Bildbearbeitung war Paint deshalb nie zu gebrauchen. Selbst Gratisprogramme wie das seit Mitte der neunziger Jahre verfügbare Gimp boten mehr Funktionen. Paint erfüllte andere Zwecke: Es war für Menschen, die erstmals einen PC nutzten, gleichermaßen Zeitvertreib und Unterhaltung. Paint gehörte zu Windows wie Minesweeper – jeder kannte es, jeder hatte es schon mal benutzt, mit der Maus krakelige Figuren gezeichnet und sich anschließend geärgert, dass er beim Füllen mit dem Farbtopf immer irgendwo eine offene Stelle hatte und plötzlich der gesamte Arbeitsbereich bunt war.

Paint, das bedeutet für viele Menschen heute ein Stück digitaler Kindheit, von dem man sich ebenso wenig trennen möchte wie von den Polaroids, die in einem Schuhkarton im Keller liegen. Man guckt sie zwar nicht mehr an. Aber man ist froh, sie zu haben.

Die Kunst des Dilettantischen

Gleichzeitig beeinflusste MS Paint die Ästhetik des Internets und der Netzkultur. Pixel-Art etwa ist zwar deutlich älter als Paint, doch das Programm wurde zum ersten Werkzeug zahlreicher Künstler. Bis heute erschaffen Künstler wie der amerikanische Grafikdesigner Pat Hines beeindruckend detaillierte Werke und ganze Graphic Novels mit den eingeschränkten Möglichkeiten der Software. In Reddit-Foren teilen Amateure ihre Arbeiten und vor einigen Jahren porträtierte die Kurzdoku The Pixel Painter den damals 97-jährigen Hal Lasko, der dank Paint seine späte Liebe zur digitalen Kunst entdeckte.

Gerade weil es für viele Menschen über Jahrzehnte die einfachste Möglichkeit der Bildbearbeitung und Bilderstellung war, hatte Paint maßgeblichen Anteil an einer Bewegung, die der Journalist Nick Douglas in einem Essay "Internet Ugly" nannte: Das scheinbar Schlampige und Amateurhafte, das sich heute in Memes von Rage Comics bis zahlreichen Image Macros wiederfindet, ist teilweise auch Paint zu verdanken. Die Kombination aus rudimentärer Software und mangelndem Talent hat zu einer Ästhetik geführt, die bewusst dilettantisch sein soll, oder wie Douglas schreibt: "Das soll so scheiße aussehen."

Diese Ästhetik ist längst größer als die Software MS Paint. Niemand benötigt das Programm heute noch, um ein Bild schnell mit Text zu versehen. Dafür gibt es längst Online-Editoren, die einfacher zu nutzen sind. 32 Jahre nach seiner Einführung bleibt MS Paint deshalb am Ende vor allem eine Erinnerung an frühere Zeiten, die sich entgegen den ersten Befürchtungen auch weiterhin abrufen lässt.