Noch vor drei Jahren hätte sich hinter Facebook Watch wohl eine smarte Armbanduhr verborgen. Weil im Jahr 2017 Smartwatches aber ähnlich beliebt sind wie Dieselautos, steht der Name nun für etwas, das bislang alle Trends überlebt hat: Fernsehen. Über Facebook Watch sollen Mitglieder des sozialen Netzwerks künftig auch exklusive Serien und Filme streamen können – kostenlos und direkt aus der App.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Facebook seinen Dienst um eine eigene Videosektion erweitert. Dort liefen bislang vor allem Videos ein, die von Freunden oder abonnierten Seiten empfohlen wurden. Mit Facebook Watch, das ab Donnerstag zunächst für einige Nutzer in den USA und nach und nach in anderen Ländern freigeschaltet wird, soll das Angebot deutlich größer werden.

Künftig werden die Videos in neue Kategorien eingeteilt. Eine davon soll beispielsweise längere Videos enthalten. Andere ergeben sich aus der Interaktion anderer Nutzer: Welche Inhalte gucken die Freunde? Was ist beliebt? Was empfehlen Gruppen, in denen man selbst Mitglied ist? Und was bringt die anderen zum Lachen – gemessen daran, wie oft sie unter den Videos das lachende Smiley drücken. 

Reality TV statt Hochglanzdrama

Die personalisierte und soziale Komponente soll eine wichtige Rolle spielen, schreibt Facebooks Produktmanager Daniel Danker in einem Blogbeitrag. Die Kommentare und Reaktionen von Freunden und Gruppenmitglieder sollen ebenso prominent auftauchen wie die Möglichkeit, direkt mit den Videomachern in Kontakt zu treten – etwa, wenn es sich um eine Liveshow handelt.

Zum US-Start gibt es auf Facebook Watch dann auch in erster Linie Shows, die Diskussions- und Reaktionspotenzial haben. Eine Kochshow etwa, in der Kinder einem Profikoch Anweisungen geben. Der Vlogger Nas nimmt tägliche Videos mit Zuschauern auf, National Geographic nimmt die Zuschauer mit auf Livesafaris und einmal die Woche streamt Facebook ein Baseballspiel der Profiliga MLB. Das IT-Portal TechCrunch hat eine Liste mit weiteren Formaten erstellt. Politische Inhalte seien bewusst vorerst nicht geplant, sagte Danker im Gespräch mit Buzzfeed.

Kurzweiliges Reality TV statt Hochglanzdrama und Dokumentationen also. Die Verantwortlichen von Facebook hatten schon zuvor betont: Facebook Watch soll kein Netflix-Konkurrent sein. Anspruchsvolle Serien und Filme, die von führenden Studios produziert werden, gibt es deshalb zunächst nicht. Das Netzwerk gibt zwar eigene, exklusive Inhalte in Auftrag und bezahlt dafür. Doch die sollen nur einen Teil von Facebook Watch ausmachen.

 55 Prozent der Werbeeinnahmen für die Videomacher

Tatsächlich ist das Fernsehangebot eine Mischung aus Streamingdienst und klassischer Videoplattform wie etwa YouTube. Denn prinzipiell will Facebook nicht allein derjenige sein, der Inhalte in Auftrag gibt. Die Videomacher sollen, wie auf YouTube, von sich aus auf Facebook Watch streamen – und dafür Geld bekommen. Videomacher können entscheiden, wie sie die Sendungen vermarkten. So können sie Werbung schalten und bekommen 55 Prozent der Einnahmen, berichtet Buzzfeed. Zunächst wird Watch nur für ausgewählte Videomacher verfügbar sein, doch eines Tages soll prinzipiell jeder Facebooknutzer mitmachen können.

Für den Auftakt scheint die Strategie zu sein, mit einigen von Facebook gesponserten Produktionen den Watch-Dienst anzukurbeln und anschließend neue Partner zu gewinnen. Eine ähnliche Idee verfolgten sowohl Snapchat als auch YouTubes Bezahldienst Red – mit einem großen Unterschied: Facebook Watch ist kostenlos und finanziert sich nicht über Abos, sondern über Werbung.

So durchschnittlich die Inhalte und so unspektakulär das Konzept von Facebook Watch scheinen, so wichtig sind sie für die Unternehmensstrategie. CEO Mark Zuckerberg hat immer wieder gesagt, dass Video eines der wichtigsten Formate sei. Amazon, Netflix, Apple und wie gerade angekündigt Disney: Sie alle investieren entweder längst in eigene Inhalte und eigene Streamingdienste oder planen, dies bald zu tun.