"Ich bin aus der Gefahrenzone heraus." Katharine Jarmul sagt diesen Satz mit Nachdruck. Der Begriff klingt nach Extrembergsteigen oder Tschernobyl. Aber Jarmul ist Programmiererin. Die Gefahrenzone war ihr Berufsalltag.

Wie der aussah, hat am vergangenen Wochenende das Memo eines Google-Mitarbeiters exemplarisch gezeigt. Der Softwareentwickler hatte darin unter anderem behauptet, Frauen würden aufgrund biologischer Unterschiede lieber in sozialen oder künstlerischen Bereichen arbeiten als in der Softwareentwicklung. Außerdem seien Frauen ängstlicher und weniger stressresistent als Männer und würden deshalb seltener in Führungspositionen gelangen. Googles Vizepräsidentin für Diversität, Danielle Brown, gab eilig eine Pressemitteilung heraus, Google-CEO Sundar Pichai unterbrach kurzfristig seinen Urlaub, um seine Angestellten ins Gebet zu nehmen. Am Dienstag wurde der Verfasser des Memos entlassen. Einen weiteren Imageschaden wollte man in Mountain View unbedingt vermeiden. Das amerikanische Arbeitsministerium untersucht bereits, ob der Konzern seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen systematisch ungleich entlohnt. Doch das grundsätzliche Problem beschränkt sich nicht auf das Silicon Valley.

Katharine Jarmul, lässiges Trägerkleid, ungeschminkt, ist seit neun Jahren Programmiererin. Vor dreieinhalb Jahren ist sie nach Berlin gezogen, ursprünglich kommt sie aus Los Angeles. Dort hatte sie 2011 die PyLadies gegründet. Die Gruppe fördert und unterstützt Frauen beim Erlernen der Programmiersprache Python. "Mir war es wichtig, dass andere Frauen wissen, es gibt andere Stimmen und sie sind nicht alleine", sagt sie. In Berlin gibt es inzwischen einen Ableger des Netzwerks.

Sexismus ist in der Branche allgegenwärtig. Wenn Männer per se annehmen, dass Frauen gerade erst mit dem Programmieren begonnen haben, und ihnen ungefragt alles erklären, was sie nicht wissen wollen. Wenn sie gleich nach dem Hallo fragen, ob sie wüssten, was eine Datenbank ist. Wenn sie die Frauen ständig unterbrechen. Oder wenn sie auf einer Konferenz nach der Keynote der Vortragenden erläutern, was die eigentliche Definition von Sexismus sei. Jarmul hat das alles erlebt, Letzteres während einer Konferenz in Amsterdam, als sie die ethischen Herausforderungen von Machine Learning vorstellte. "Mir wird immer viel von Männern erklärt, obwohl ich den Job seit zehn Jahren mache!"

Dann hat sie sich selbstständig gemacht und ihre eigene Firma gegründet, das war ihr Weg aus der Gefahrenzone. Seit sie als selbstständige Beraterin tätig ist, habe sich die Häufigkeit sexistischer Bemerkungen reduziert, sagt Jarmul. In Meetings mit Kunden sei es dennoch üblich, dass angenommen werde, sie sei für das Marketing zuständig und der männliche Kollege für die Technik. Darüber lacht sie heute. "Ich habe mich an den alltäglichen Sexismus gewöhnt, um ehrlich zu sein. Du bist einfach auf alles vorbereitet." 

Dazu gehört auch, sich entsprechend für Vorträge und Konferenzen zu wappnen. Vor jedem Talk nimmt sie an, dass das Publikum sie aufgrund ihrer Rolle und ihres Geschlechts hinterfragen, ihr nicht glauben und sie herausfordern wird. Darum steckt Jarmul vorab Hunderte Stunden an Recherche in ihre Präsentationen – bis dato war ihre Annahme immer berechtigt.

Wo wenige Frauen sind, kommen selten weitere hinzu

Wo eine Gruppe so dominiert wie Männer in der Techbranche, werden bestimmte Verhaltensweisen und gesellschaftliche Stereotype verstärkt, da Korrektive innerhalb des Teams fehlen. Bis heute ist zum Beispiel das Label "nur für Frauen" oft negativ besetzt. Maßnahmen, die besonders Frauen fördern sollen, wie zum Beispiel eigene Studiengänge in Informatik, werden belächelt, als sei diese Ausbildung minderwertig oder ein Nachhilfekurs. Insofern muss Sexismus als solcher benannt und entlarvt werden, um Veränderungen zu bewirken.  

Und wo wenige Frauen sind, kommen auch selten weitere hinzu. Umgekehrt ist es wesentlich einfacher, als Frau weitere Frauen anzustellen. Man weiß um die gemeinsamen Erfahrungen und was es bedeutet, als Programmiererin oder Softwareentwicklerin tätig zu sein. In dieser Hinsicht ist es ein Irrtum, zu glauben, der Begriff Technik sei neutral. Insbesondere in West- und Mitteleuropa ist er männlich konnotiert.

"Das was überhaupt als Technik benannt wird, hat mit Industriearbeit zu tun und mit dem Verständnis des männlichen Facharbeiters in Deutschland. Es geht hier auch um Macht, um ein hohes Ansehen und viel Geld", sagt Veronika Oechtering. Die Informatikerin leitet das Kompetenzzentrum Frauen in Naturwissenschaften und Technik an der Universität Bremen, sie forscht zu Genderaspekten und veranstaltet seit 20 Jahren Sommeruniversitäten für Informatikerinnen und IT-Fachfrauen.