Wie der Wahlkampf in den Kleinstädten ist, so ist er im Internet. Alternative Pöbler, wie sie vor allem – aber nicht nur – Kanzlerin Angela Merkel auf öffentlichen Veranstaltungen auspfeifen, versammeln sich auch in den sozialen Netzwerken. Sie hetzen, drohen, diffamieren. Und obwohl sie nicht in der Mehrzahl sind, schreien sie am lautesten. So laut, dass selbst Facebook ihren Einfluss nicht mehr genau nachvollziehen kann.

Wer beispielsweise als Facebook-Mitglied in diesen Tagen ein Feature namens "Gruppen entdecken" nutzen möchte, findet zahlreiche Kategorien: Sport, Haustiere, Essen. Doch die Kategorie Nachrichten und Politik fehlt; ein Klick auf den früheren Link liefert keine Empfehlungen mehr. Man habe die Funktion "vorübergehend ausgesetzt", sagte ein Facebook-Sprecher in dieser Woche. Denn sie wurde offenbar von Rechtsradikalen und AfD-Anhängern gekapert. Auch wenn Facebook das so natürlich nicht sagt.

Facebook empfiehlt auffallend viele rechte Gruppen

Vergangene Woche wies unter anderem die Satireseite Der Postillon darauf hin, dass in der Kategorie Nachrichten und Politik überdurchschnittlich viele rechtsextreme und AfD-nahe Gruppen empfohlen worden seien. Zahlreiche Nutzer konnten das bestätigen. Sie reagierten entsprechend wütend und verdutzt in den sozialen Netzwerken. Der ARD-Faktenfinder stellte in einer Stichprobe mit 25 Nutzern fest, dass Gruppen mit Namen wie Wähler und Freunde der AfD, Die Patrioten und Besorgte Deutsche immer wieder empfohlen wurden – und zwar auch Nutzern, die bislang weder in ähnlichen Gruppen waren, noch durch ihr Nutzerverhalten wirkten, als hätten sie eine rechte Einstellung. Selbst komplett neuen Nutzern wurden die Gruppen vorgeschlagen.

Facebook Deutschland hat dafür bislang noch keine Erklärung. Einen Platz in den Empfehlungen könne man sich nicht kaufen, ließ das Unternehmen verlauten. Eigentlich sollten diese per Algorithmus ausgewählt werden, basierend auf den individuellen Likes und Vorlieben jedes Nutzers. Da aber offensichtlich noch andere Faktoren eine Rolle spielen, deaktivierte Facebook die Funktion zunächst. Nun will man sich die Sache genauer anschauen.

Möglicherweise spielt die Aktivität in den jeweiligen Gruppen eine unerwartet große Rolle. Denn auch wenn sie weniger Mitglieder haben als etwa Gruppen anderer Parteien, sind ihre Mitglieder sehr aktiv was das Verfassen, Kommentieren und Liken von Beiträgen angeht – Stichwort "am lautesten schreien". Ein Administrator einer der erwähnten Gruppen spricht bei 27.000 Mitgliedern von 5.000 Beiträgen pro Tag.

Einblicke in die Gegenöffentlichkeit

Solche Zahlen untermauern die Existenz einer rechten, digitalen Gegenöffentlichkeit, die sich in den geschlossenen und geheimen Gruppen auf Facebook, aber auch auf anderen sozialen Plattformen gebildet hat. So nutzt die AfD die Plattform nicht nur über ihren offiziellen Account, sondern profitiert auch von zahlreichen geschlossenen Gruppen, die von Unterstützern ins Leben gerufen worden sind oder aus dem rechtspopulistischen Umfeld stammen. In dieser "Hass-Blase" organisieren sich Gleichgesinnte: Neben der Verbreitung von Fake News über politische Gegner findet sich von der rassistischen Hetze bis zum Mordaufruf so ziemlich alles, wie eine Recherche des Tagesspiegels schon im Sommer 2016 offenlegte.

Der mutmaßliche Erfolg dieser Gruppen liegt nicht etwa daran, dass sie den Nerv der Wähler treffen, wie es die Verantwortlichen gerne behaupten. Stattdessen nutzen sie ein Netzwerk aus gefälschten Profilen, Zweit-Accounts und sogenannten Social Bots: automatisierten Accounts, die Beiträge nach bestimmten Regeln und Inhalten teilen oder kommentieren, anderen Nutzern folgen und somit die Reichweite erhöhen.

Im Februar hatten Recherchen der FAZ bereits ein Netzwerk von Pro-AfD-Accounts auf Facebook enttarnt. Demnach zeigten sich vor allem sieben Profile als Administratoren für einige beliebte rechte Gruppen wie AfD 51% verantwortlich. Nach Angaben der FAZ handelte es sich um gefälschte Profile, die zwar möglicherweise von Menschen betreut wurden, aber die teilweise auch Bots einsetzten. So tauchten in mehreren Gruppen zum Teil fast gleichzeitig dieselben Inhalte auf, die Profile hatten Tausende Freunde und nur selten diskutierten sie persönliche Beiträge – alles Indizien dafür, dass sie teilweise automatisch agierten.

Mehr Hinweise lieferte Anfang September eine Aktion der PARTEI. Sie hatte über Monate hinweg 31 geschlossene Gruppen von AfD-Sympathisanten infiltriert und das Vertrauen der Administratoren gewonnen. Als sie schließlich selbst Adminrechte bekamen, warfen sie die Gründer raus, nannten die Gruppen um und machten sie teilweise öffentlich. Dabei bestätigte sich, dass tatsächlich Bots daran beteiligt waren, die Gruppen künstlich aufzublasen. Facebook, das immer wieder versucht, Fake-Accounts zu löschen, konnte in diesem Fall ausgetrickst werden.