Um es vorweg zu sagen: Ja, Facebook unterstützt aktiv den Wiederaufbau in Puerto Rico. 1,5 Millionen US-Dollar hat das Unternehmen bereits an Hilfsorganisationen gespendet. Zudem will Facebook Ingenieure schicken, um die technische Infrastruktur auf der von Hurrikan Maria schwer getroffenen Karibikinsel wieder instand zu setzen. Künstliche Intelligenz soll Satellitenbilder auswerten. Man könnte sagen: Facebook und sein CEO Mark Zuckerberg tun mehr als US-Präsident Donald Trump, der bei einem Besuch den Betroffenen "schöne, weiche Tücher" zuwarf.

"Hold my beer", muss sich Zuckerberg daraufhin gedacht haben. Wenn der Präsident Aufmerksamkeit für geschmacklose Aktionen bekommt, kann er das auch. Am Montag demonstrierte Zuckerberg gemeinsam mit seiner Kollegin Rachel Rubin Franklin die App Spaces, mit der Besitzer von VR-Brillen die virtuelle Realität betreten können – gemeinsam mit ihren Facebook-Freunden. Für einige Minuten versetzten sich Zuckerberg und Franklin in einem Livestream kurzerhand in ein 3-D-Video aus dem zerstörten Puerto Rico.

"Wir sind auf einer Brücke", sagt Zuckerberg mit einem dauergrinsenden Comic-Avatar, "es ist alles überflutet. Man bekommt einen guten Eindruck von der Zerstörung." Nur, um dann augenblicklich zu schwärmen, wie "magisch" die virtuelle Realität doch sei. Während im Hintergrund überschwemmte Häuser zu sehen sind, geben sich Zuckerberg und Franklin ein virtuelles High Five und lachen darüber, dass sich beide während der Präsentation eigentlich an ganz unterschiedlichen Orten befinden. Soll heißen: in anderen Büros.

"Es fühlt sich an, als wären wir wirklich hier in Puerto Rico", sagt Zuckerberg. Man komme hier ja auch derzeit schlecht hin, also so in echt mit dem Hurrikan und der ganzen Verwüstung und so. "Wirklich verrückt, hier mittendrin zu stehen", ergänzt Franklin.

"Katastrophentourismus trifft Produktvorstellung"

Wirklich verrückt. Zum Glück gibt es nun Facebook Spaces, mit dem sich wohlhabende Menschen aus dem sonnigen Silicon Valley in Katastrophengebiete beamen können. Und das am besten auch noch mit ihren Freunden. Frei nach dem Motto: Komm, hol das Smartphone raus – wir machen ein Selfie mit Menschen, die kein Trinkwasser haben. Katastrophentourismus 2.0.

Die Reaktionen fielen nicht nur unter vielen Zuschauern des Livestreams ("Zuckerberg ist ein herzloser Milliardär") entsprechend negativ aus. "Die Spitze der Geschmacklosigkeit", titelte das IT-Portal The Next Web. Die Journalisten von Mashable fanden es "peinlich", und die des Guardian nannten es eine "gefühllose Mischung aus Katastrophentourismus und Produktvorstellung".

Nun ist natürlich nicht die Technik das Problem. Im Gegenteil, virtuelle Realität kann durchaus Menschen neue Einblicke in Orte und Ereignisse geben, teilweise sogar eindrücklicher als traditionelle Bilder und Videos. Wenn die New York Times ihre Leser auf eine 360-Grad-Tour durch die Flüchtlingskrise schickt oder der Guardian eine virtuelle Gefängniszelle betritt, dann ist das durchaus beeindruckend und zeigt, was virtuelle Realität leisten kann, wenn die Brillen erst günstiger und die Bildqualität besser werden. Facebooks Anspruch, diese Entwicklung voranzutreiben und gleichzeitig VR um eine soziale Komponente zu ergänzen, ist deshalb verständlich.

Keine Distanz zwischen Technik und Realität

Mark Zuckerberg und seine Kollegin Rachel Franklin wollten die Technik demonstrieren und gleichzeitig auf die Hilfeleistungen des Unternehmens in Puerto Rico hinweisen. Das Ergebnis war peinlich, weil ihnen die Distanz zwischen Technik und Realität abhanden ging. Die Verantwortlichen von Facebook sind so von ihrer Vision überzeugt, dass niemand bemerkte, wie unangemessen es ist, mit grinsenden Comicfiguren in einem Katastrophengebiet zu stehen und davon zu schwärmen, wie unglaublich diese Erfahrung doch ist.

Gerade für Zuckerberg, der seit längerem versucht, sich als total normaler Jeansträger unter die Menschen zu mischen, war der unglückliche Auftritt ein Rückschritt. So wie schon andere Trailer zu Spaces eine Zukunft zeichneten, in denen Menschen an ihrem Geburtstag lieber mit einer VR-Brille zu Hause sitzen, anstatt tatsächlich mit ihren Freunden und Familien zu feiern, illustriert auch der aktuelle Fall eine Zukunft, in der die Vorzüge der virtuellen Realität die Begebenheit der tatsächlichen Realität pervertieren.

Es ist anzunehmen, dass Zuckerberg und die anderen Verantwortlichen seines Unternehmens den Hurrikan-Opfern in Puerto Rico und an anderen Orten der Welt tatsächlich helfen möchten; die anfangs erwähnten Initiativen bestätigen das. Etwas mehr Fingerspitzengefühl als es braucht, um eine VR-Brille über den Schädel zu ziehen, wäre aber angebracht. Denn die Menschen in Puerto Rico, die ihre Häuser und teilweise Angehörigen verloren haben, finden die Situation nicht "wirklich verrückt". Sondern wirklich schlimm.