Der am Dienstag in Schwerin festgenommene Syrer Yamen A. hat sich bei den Vorbereitungen für einen Sprengstoffanschlag offenbar ganz auf das Internet verlassen. Der 19-Jährige war den Behörden aufgefallen, weil er sein Vorhaben in sozialen Netzwerken angekündigt hatte. Dort suchte er auch nach Bauplänen für einen Sprengsatz. Die Zutaten bestellte er dann auf Amazon, wie der Spiegel berichtet.

Konkret soll Yamen A. seit Sommer verschiedene, prinzipiell frei verkäufliche Chemikalien geordert haben, die für die Herstellung des Sprengstoffs TATP geeignet sind. Er war nicht der Erste, der das versucht hat. Die drei 17-Jährigen, die im April 2016 einen Sprengsatz an einem Sikh-Tempel in Essen zündeten und dabei einen Priester schwer verletzten, hatten auf Amazon kiloweise Chemikalien und Zünder bestellt.

Auch Jaber al-Bakr, der mutmaßlich einen Anschlag auf den Berliner Flughafen Tegel plante und sich im Oktober 2016 in einem Gefängnis in Leipzig erhängte, hatte nach Erkenntnissen der Ermittler die Bestandteile für einen TATP-Sprengsatz größtenteils über Amazon erworben.

Testweise Wasserstoffperoxid in den Warenkorb gelegt

Nach Spiegel-Angaben sind die deutschen Sicherheitsbehörden "alarmiert" und "erschrocken" darüber, dass Amazons Algorithmen einem potenziellen Täter einen Teil der Recherche abnehmen. Denn "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch ...", gilt offenbar auch für die Zutaten zum Bau eines Sprengsatzes. Wer einen der Stoffe bestellt, bekommt weitere vorgeschlagen.

Die Ermittler probierten es nach der Festnahme von Al-Bakr selbst aus und legten Wasserstoffperoxid in den Amazon-Warenkorb – prompt bekamen sie weitere Chemikalien und Utensilien vorgeschlagen, die zum Bombenbau benutzt werden können.

Wirklich überraschen sollte das die Behörden aber nicht. Dass die Kaufvorschläge auch im Fall von illegalen Aktivitäten oder Plänen funktionieren, ist spätestens seit 2014 bekannt. Damals fiel Amazon-Kunden auf, dass sie allerlei Zubehör für die Verarbeitung und den Konsum von Drogen vorgeschlagen bekamen, wenn sie eine bestimmte Feinwaage bestellten – möglicherweise, weil die bei Drogendealern beliebt war. Die Empfehlungen werden nicht von Amazon kuratiert, sondern automatisiert zusammengestellt, basierend auf der Kaufhistorie anderer Kunden. Das Prinzip ist vergleichbar mit Googles Autovervollständigung, die eingegebene Suchbegriffe um Vorschläge ergänzt, die auf den Suchbegriffskombinationen anderer Nutzer beruhen.

Ab wie vielen entsprechend zusammengestellten Einkäufen Amazon eine automatische Empfehlung generiert, ist nicht bekannt. Da manche Kombinationen von chemischen Stoffen auch für völlig legale Zwecke geeignet sind, kann es sein, dass die erforderliche Datenbasis auf diese Weise zustande kommt. In diesem Artikel wird das am Beispiel von Schwarzpulver erklärt, dessen Herstellung und Besitz in Großbritannien nicht verboten sind.

Noch vor drei Jahren lehnte Amazon Änderungen ab

Das Amazon-Beispiel mit den Drogen ging auch durch die deutsche Presse. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), sagte dem Sterndaraufhin: "Ich fordere Amazon auf, seine Empfehlungsalgorithmen zu überprüfen und so zu gestalten, dass die Nutzerinnen und Nutzer nicht auf dumme Gedanken kommen." Das Unternehmen lehnte das ab.

Nun aber signalisiert es die Bereitschaft zu Zugeständnissen. "Im Rahmen der jüngsten Ereignisse" würden Änderungen an der Internetseite vorgenommen, "um sicherzustellen, dass Produkte in geeigneter Weise präsentiert werden", teilte Amazon auf Anfrage des Spiegel mit.