ZEIT ONLINE: Vor einem Jahr haben Sie den Calliope mini auf dem IT-Gipfel vorgestellt, zusammen mit dem Plan, ihn zu einem Standardwerkzeug an allen Grundschulen der Republik zu machen, angefangen beim Saarland. Wie viele der Kleincomputer sind mittlerweile im Einsatz?

Gesche Joost: 16.000 haben wir verteilt, 25.000 produziert. Das Saarland ist am weitesten. Alle, die es wollen, werden dort ausgestattet. In vielen Bundesländern sind wir mit 100 Pilotschulen gestartet. Und in einigen anderen haben wir Gespräche geführt und planen, dass es bald losgeht. Zu den letzten, die schwerer zu überzeugen sind, gehören beispielsweise Baden-Württemberg und Brandenburg.

ZEIT ONLINE: Der Calliope-Mitgründer Stephan Noller sagte mir damals, die Kinder, die heute eingeschult werden, werden auf eine völlig digitalisierte Arbeitswelt treffen. Sind Sie angesichts dieses Szenarios mit dem Zwischenstand zufrieden?

Joost: Als wir im November 2016 gesagt haben, wir wollen in ganz Deutschland vertreten sein, waren wir zwar davon überzeugt, dass wir es durchziehen würden. Wir hätten aber nicht gedacht, dass es wirklich klappt. Insofern bin ich zufrieden. Es dauert natürlich nur trotzdem viel zu lange. Am meisten begeistert mich, wie es bei Kindern ankommt. Das ist uneingeschränkt super.

ZEIT ONLINE: Manche stört die Nähe des Projekts zur SPD. Die ersten Länder, die mitgemacht haben, waren allesamt welche mit SPD-Regierungsbeteiligung. Sie und andere Gesellschafter sind Mitglieder im SPD-nahen netzpolitischen Verein D64, so wie auch der im Saarland für die Umsetzung des Projekts verantwortliche Referent im Bildungsministerium. Und das Projekt wurde früh vom Bundeswirtschaftsministerium unter Sigmar Gabriel unterstützt.

Joost: Es hat sicherlich Vorteile, dass einige von uns in der Politik gut vernetzt sind. Aber dass wir in fast allen Bundesländern am Start sind, zeigt ja, das hat nichts mit der SPD zu tun.

Zur Genese: Ich hatte zuerst im Bundesministerium für Bildung und Forschung gefragt, in welcher Weise man so etwas wie den micro:bit, der an britischen Schulen verteilt wird, auch in Deutschland aufziehen könnte – und bin auf große Skepsis gestoßen. Natürlich auch wegen der föderalistischen Strukturen des Bildungssystems, das kann ich ja nachvollziehen, nur hätte ich mir andere Unterstützungsmöglichkeiten gewünscht. Aber dazu fehlte der Wille.

Die Förderung des Wirtschaftsministeriums kam dann vor allem auf Initiative des Beirats Junge Digitale Wirtschaft zustande, der überhaupt nicht SPD-nah, sondern unter FDP-Obhut des Ministeriums entstanden ist. Es stimmt einfach nicht, dass das Projekt aus der D64-Ecke kam, auch wenn viele von uns damit verbunden sind.

ZEIT ONLINE: Wäre es für die Außenwirkung nicht trotzdem gut, wenn Sie noch einen prominenten Unterstützer aus einem anderen politischen Lager hätten?

Joost: Auf jeden Fall. Das ist auch ein großes Thema bei uns, und wir werden auf die Kritik reagieren. Anke Domscheit-Berg von den Linken ist eine große Unterstützerin, und wir haben Calliope ganz am Anfang bei den Grünen vorgestellt. Wir wollen aber sicherlich auch die CDU/CSU stärker mit ins Boot holen. Gerade im cnetz (einem unionsnahen netzpolitischen Think Tank – die Red.) haben wir ganz wichtige Partner. Ich glaube sowieso, dass die Netzpolitiker der verschiedenen Parteien überhaupt nicht weit voneinander entfernt sind, wenn es um digitale Bildung geht.

ZEIT ONLINE: Wie ist das Feedback insbesondere der Lehrer? Ich hatte vor einem Jahr junge Lehrerinnen gefragt, ob sie mit dem Calliope arbeiten wollen würden, aber die konnten sich noch nicht vorstellen, wie sie den Umgang damit erlernen, geschweige denn vermitteln sollen.

Joost: Wir haben in der Didaktik viel aufgebaut. Es gibt eine Lehrer-Handreichung vom Cornelsen-Verlag, eine für Grundschüler und wir haben verschiedene Institutionen, die unter offener Lizenz Lehrmaterial entwickeln, zum Beispiel die App Camps. Nach einer eintägigen Schulung können Lehrer eigentlich gleich loslegen in dem Fach, das sie unterrichten, ob das nun Mathe oder Sachkunde ist. Trotzdem ist die psychologische Hürde hoch, das merke ich in Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern. Wer glaubt, schon mit seinem Handy überfordert zu sein, schaut vielleicht auf die Platine, die er als Gerätekategorie gar nicht kennt und denkt, "jetzt muss ich auch noch programmieren".

ZEIT ONLINE: Die Liste der Handreichungen auf der Calliope-Website ist überschaubar. Wo können Lehrer sonst noch Anleitungen und Tipps und finden?

Joost: Auf Hackster.io gibt es ganz viel Material, es gibt Bücher wie Das Calliope-Buch oder Der kleine Hacker und zauberhafte YouTube-Tutorials von Schülerinnen und Schülern, zum Beispiel Miss Hennipenny. Das sammeln wir jetzt alles auf auf calliope.cc und kategorisieren es nach Altersstufe und Schwierigkeitsgrad.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Lieblingsbeispiel für einen niedrigschwelligen Einstieg ins Thema Programmieren?

Joost: Analoges Programmieren, das kann man mit ganz kleinen Kindern machen: Ich habe eine Packung Toastbrot und ein Glas Nutella vor mir und die Schüler müssen mich programmieren. Wenn die sagen "Schmiere ein Brot", dann würde ich das ganze Brot nehmen und schmieren. Und nicht aufhören, sondern immer weitermachen. Die Kinder müssen also in die logischen Programmierschritte übersetzen, was ich wirklich tun soll.