Wenn eine Jahreszeit für romantische Komödien und Familienfilme gemacht ist, dann ist es die Weihnachtszeit. Moderne Familien verlassen sich dabei nicht nur auf die 267. Wiederholung von Kevin – Allein zu Haus im Fernsehen, sondern decken ihren Bedarf an Unterhaltung natürlich längst zusätzlich über Streamingangebote wie Netflix. Passend zum Fest erschien dort vor einigen Wochen die Eigenproduktion A Christmas Prince. Ein Film, so mittelmäßig wie Christstollen aus dem Supermarkt, aber immerhin schön kitschig.

Manchen Netflix-Kunden hat A Christmas Prince offenbar so gut gefallen, dass sie ihn an 18 Tagen in Folge geguckt haben. 53 Kunden waren es, um genau zu sein. Das schrieb Netflix in einem Tweet und fragte selbstironisch nach, wer diese Menschen denn so verletzt habe. 439.000 Twitter-Nutzern gefiel das. Aber einige fanden es überhaupt nicht lustig.

"Unheimlich" nannten es einige, von "Big-Brother-Nonsens" ist die Rede, vom kommenden Überwachungsstaat, und einzelne Nutzer fragen, weshalb Netflix sich überhaupt anmaßt, einzelne Kunden für ihre Vorlieben lächerlich zu machen und dann auch noch ihre Psyche zu hinterfragen. Wieder andere finden, es sei überhaupt nicht cool, zahlende Kunden auszuspionieren.

Was die Reaktionen auf Netflix' an sich harmlosen Tweet zeigen: Viele Nutzer wissen offenbar noch immer nicht, dass "Kundenspionage" im Sinne der Auswertung individuellen Sehverhaltens seit jeher eines der Erfolgsgeheimnisse der Streamingplattform ist. Daraus macht Netflix selbst gar keinen Hehl, sondern erklärt regelmäßig, wie der Dienst das Angebot auf individuelle Zuschauer zuschneidet – natürlich mit dem Ziel, diese möglichst lange vor dem Bildschirm zu fesseln.

Personalisierte Vorschaubilder

Etwa mit personalisierten Vorschaubildern. Das Prinzip dahinter erklärten die Techniker des Dienstes erst vergangene Woche in einem Blogbeitrag. Netflix testet nicht nur, welche Vorschaubilder für Filme und Serien am besten unter allen Zuschauern ankommen. Sondern es passt sie auch an die Vorlieben einzelner Zuschauer an.

Wie das funktioniert, zeigt Netflix am Beispiel von Good Will Hunting. Zuschauer, die zuvor viele romantische Komödien auf Netflix geguckt haben, bekommen ein Vorschaubild, das die Schauspieler Matt Damon und Minnie Driver gemeinsam zeigt. Männliche Nutzer, die Comedy lieben, bekommen stattdessen ein Vorschaubild mit Robin Williams angezeigt. So sollen die Zuschauer in den Film gelockt werden, denn nur zehn Prozent aller Nutzer suchen tatsächlich aktiv nach Titeln, behauptet das Unternehmen. Die restlichen 90 Prozent verlassen sich darauf, was Netflix ihnen vorschlägt.

Zehntausende Genres zur Auswahl

Um die Inhalte genauer zuschneiden zu können, nutzt Netflix nicht bloß klassische Genrebezeichnungen wie Thriller oder Dokumentation. Stattdessen vergeben Mitarbeiter jedem Film und jeder Episode einer Serie mehrere Schlagwörter, die sich auf den Inhalt, aber auch die Erzählform, Darsteller und Gewaltdarstellungen beziehen.

Aus diesen Schlagwörtern wiederum entstehen Zehntausende Genres, wie Nutzer bereits vor zwei Jahren herausfanden. Zum Beispiel "Gory B-Horror Movies from the 1980s" oder "Skateboarding Non-Fiction". Diese atomisierten Genres sind nicht offiziell auf der Plattform zu finden, aber im Hintergrund werden sie von den Algorithmen verwendet, um Nutzern noch bessere Empfehlungen auszusprechen. Aus gutem Grund, sagt Netflix' Europasprecher Yann Lafargue: "Wenn ein Nutzer Netflix öffnet, haben wir zwischen 90 und 120 Sekunden Zeit. Wenn er in diesem Zeitraum nichts Relevantes findet, haben wir ihn verloren."