Wo ein Hype ist, ist der Betrug nicht weit. Das gilt auch für das Geschäft mit Kryptowährungen. Im Dezember wurde erstmals bekannt, dass der Chatdienst Telegram plant, ein eigenes digitales Zahlungsmittel namens Grams und eine neue Blockchain zu entwickeln. Nun versuchen Dritte abzukassieren, bevor das Projekt überhaupt startet.

In den vergangenen Wochen erschienen unter Domains wie gramtoken.io, ton-gram.io, tgram.cc und grampreico.com gleich mehrere Websites, auf denen mutmaßlich Tokens für Telegrams Initial Coin Offering (ICO) angeboten wurden. Ein Token ist in diesem Fall ein Platzhalter für die kommende Kryptowährung, die Investoren vorab zu einem zuvor festgesetzten Preis erwerben können. Die Entwickler können auf diese Weise über ein ICO Startkapital sammeln. Die Investoren machen Gewinn, wenn die Währung später im Kurs steigt und ihre Anteile dann mehr wert sind als zum Zeitpunkt des Kaufs.

Bei den erwähnten Websites handelt es sich in allen Fällen um Betrugsmaschen, um einen scam, wie es im Englischen heißt. Das bestätigte Telegram-Gründer Pavel Durov. Schon im Dezember schrieb er auf Twitter, offizielle Ankündigungen erschienen nur auf der Website von Telegram. Alles andere sei nicht legitim. Auf der Firmen-Website gibt es inzwischen ein Anti-Scam-Formular, über das betrügerische Websites gemeldet werden können, die fälschlicherweise Grams zum Verkauf anbieten. 

Gefälschte ICO ködern Investoren

Für manche dürfte das zu spät kommen. Wie das IT-Portal Techcrunch berichtet, gab eine Anzeige auf gramtoken.io an, bereits rund fünf Millionen US-Dollar eingenommen zu haben, bevor das Angebot wieder verschwand. Ob das tatsächlich stimmt oder ob die Zahl nur als Lockmittel eingesetzt wurde, ist aber nicht klar. Auf der Seite von ton-gram.io gibt es einen Link auf eine digitale Geldbörse der Kryptowährung Ether, in der aktuell knapp 35.000 US-Dollar liegen, die möglicherweise den Betrügern gehört. Aufgrund der weitestgehend anonymen Blockchain-Technik ist es nicht möglich ist, die Identität des Besitzers herauszufinden.

Zwischenzeitlich gab es sogar Bedenken, das geplante Blockchain-Projekt des Chatdienstes selbst könnte von Beginn an ein Fake gewesen sein. Bislang hat Telegram nämlich offiziell noch nichts verkündet. Die Berichte beziehen sich vor allem auf Personen aus der Szene sowie auf ein geleaktes Whitepaper, das die Pläne eines Telegram Open Network (TON) erläutert. Das könnte, hieß es, auch ein Teil eines ausgeklügelten Fakes sein.

Doch die Verantwortlichen von Telegram dementierten auch nach den zahlreichen Medienberichten in den vergangenen beiden Wochen weder die Authentizität des Whitepapers noch der Blockchain-Pläne. Stattdessen warnen sie ausschließlich vor Betrügern. Das deutet darauf hin, dass die Firma das Projekt wirklich plant.

Betrüger hoffen auf das Potenzial von Telegram

Sollten sich die Berichte bestätigen, könnte Telegram im Erfolgsfall das bislang größte ICO starten: 600 Millionen US-Dollar will der Dienst von ausgewählten Risikokapitalfirmen und Partnern einnehmen. Anschließend sollen noch einmal 600 Millionen in einem öffentlichen Verkauf folgen. Insgesamt sollen damit 1,2 Milliarden US-Dollar eingenommen werden.

Auch das geplante Telegram Open Network ist, wie es im Whitepaper dargelegt wird, ambitioniert. Man sollte deshalb skeptisch sein, ob die beschriebene Blockchain-Technik tatsächlich so funktioniert oder ob Telegram nicht doch deutliche Abstriche machen muss. Allerdings sprechen auch einige Zahlen für das Unternehmen: Der Dienst hat bereits mehr als 200 Millionen Nutzer und mit dem Messenger gleichzeitig ein Produkt, das von einer Kryptowährung profitieren würde: Nutzer könnten sich gegenseitig Geldbeträge schicken oder es, wie im chinesischen Messenger WeChat, zur Bezahlung von Onlinehändlern nutzen. Im Unterschied zu gängigen Bezahlarten wie Kreditkarten oder PayPal funktionieren Kryptowährungen ohne Mittelsmänner, sind anonym und gleichzeitig transparent in der Blockchain gespeichert, und durch sogenannte smart contracts ließen sich mit einer Überweisung noch weitere Bedingungen knüpfen.

Bestehen die Pläne also wirklich, könnte das Projekt noch im ersten Quartal des Jahres starten. Bis dahin sollten alle, die es kaum erwarten können, vorsichtig sein: Eine Website, die derzeit Investoren mit Grams ködert, ist mit ziemlicher Sicherheit ein scam. Und auch sonst empfiehlt es sich, bei sämtlichen Angeboten rund um Kryptowährungen ganz genau zu schauen: Von dubioser Facebook-Werbung bis hin zum gefälschten Tod von Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin wird derzeit alles eingesetzt, um Investoren das Geld abzuluchsen.