Logan Paul ist selten sprachlos. Doch nach dieser Entdeckung hatte auch der junge US-Amerikaner für einen Moment nichts zu sagen. Gemeinsam mit Freunden war er im japanischen Aokigahara unterwegs. Das Naturschutzgebiet ist auch als "Suizid-Wald" bekannt, weil sich hier überdurchschnittlich viele Menschen versteckt das Leben nehmen. Als die Freunde mit bunten Mützen, markigen Sprüchen und Kamera durch den Wald streifen, entdecken sie plötzlich einen Toten.

Statt die Kamera in diesem Moment abzuschalten, filmen sie weiter. Logan Paul erzählt, was sie gerade gesehen haben. Die Kamera zoomt an den Verstorbenen heran, lediglich sein Gesicht wurde später verpixelt. Paul versucht, auf den Ernst von Suizid und auf Hilfestellen hinzuweisen und gleichzeitig die Situation aufzulockern. "Ich denke, das Video wird in die YouTube-Geschichte eingehen", sagt er.

Er sollte recht behalten. Über sechs Millionen Abrufe konnte das an Neujahr veröffentlichte Video in kürzester Zeit sammeln, ehe es Paul nach heftigen Protesten wieder von seinem Kanal löschte. Inzwischen hat er sich dafür entschuldigt. "Die Reaktionen waren ungefiltert und wir wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten", sagte er am Dienstag unter Tränen in einem Video auf Twitter. "Ich hätte das Video niemals veröffentlichen dürfen und es tut mir und dem Opfer und seiner Familie leid."

Kritik an YouTube

Wie so oft in den vergangenen Monaten, steht nun auch YouTube in der Kritik. Im November fanden Untersuchungen heraus, wie das Kinderangebot YouTube Kids von teils verstörenden Videos unterwandert wurde. Im Sommer gab es Diskussionen darüber, wie und weshalb Videos von Hasspredigern und Extremisten auf YouTube vermarktet werden. Und Anfang des Jahres fiel der YouTube-Star PewDiePie mit antisemitischen Äußerungen auf. In allen Fällen lief es auf eine Frage hinaus: Muss YouTube stärker seine Inhalte moderieren – und kann es das überhaupt leisten angesichts von etwa 600.000 Stunden Material, das täglich hochgeladen wird?

Die Google-Tochter hatte im Dezember erklärt, künftig mehr in Personal, Infrastruktur und künstliche Intelligenz zur Erkennung unpassender Inhalte investieren zu wollen. In einer Stellungnahme sagte ein Sprecher, das Video von Logan Paul habe die Richtlinien verletzt. Videos mit drastischen Inhalten dürften nur online bleiben, wenn sie dokumentarische oder bildende Informationen enthielten. Das sei hier nicht der Fall gewesen.

Ein Mitarbeiter sah das offenbar anders. Wie Buzzfeed berichtet, sei der Clip schon kurz nach der Veröffentlichung gemeldet worden. Das bedeutet, ein Moderator muss ihn eigentlich händisch überprüft haben. In diesem Fall habe der Moderator entschieden, es sogar ohne Alterseinschränkung weiter online zu lassen. Möglicherweise auch, weil Paul mit mehr als 15 Millionen Abonnenten über eine gewisse Narrenfreiheit verfügt. Eine Vermarktung durch Werbeeinblendungen hatte der 22-Jährige von sich aus ausgeschlossen.

Die Schwächen der Moderation

Der Fall zeigt, wie schwer es für Plattformen wie YouTube ist, die eigenen, teils bewusst schwammig formulierten Richtlinien umzusetzen. Einerseits will YouTube ein möglichst vielfältiges Angebot liefern, das von allen Menschen sofort genutzt werden kann. Eine Vorabüberprüfung jedes neuen Videos wäre nicht nur personell kaum zu stemmen, sondern würde auch der Unmittelbarkeit des Angebots schaden. Kaum ein Nutzer möchte stunden- oder gar tagelang darauf warten, bis ein Video freigeschaltet wird. Zudem wäre die Gefahr von Zensur groß, da die Moderation nicht transparent ist.

Andererseits müssen einzelne Mitarbeiter eben nach eigenem Ermessen entscheiden, ob ein gemeldeter Clip gegen die Richtlinien verstößt. Was in manchen Fällen einfach ist (etwa Pornos), ist in anderen Fällen schwierig. Das Video von Logan Paul verstößt gegen die gängige Praxis in der Suizidberichterstattung, auch wenn es die Identität des Toten nicht enthüllt und die Zuschauer zu Beginn vor den Inhalten warnt und an Hilfestellen verweist. Die Frage, ob es nun den Suizid eines Menschen inszeniert, ist letztlich vor allem eine moralische.