In der Mitte des Lebens kann man schon mal nachdenklich werden. Was ist bisher geschehen, wo soll es hingehen? John Perry Barlow nutzte, so heißt es, die Nacht vor seinem 30. Geburtstag nicht zur Rückschau oder Karriereplanung, sondern um eine humanistische Anweisung an sich selbst zu schreiben. Sie beginnt mit den Worten: "Sei geduldig." Es folgen 24 weitere "Gebote des Erwachsenseins". Gestehe Fehler ein. Verstehe Demut. Lebe denkwürdig. Ertrage. Seit Jahren wird der Text im Internet weitergereicht. Weil er, in sanft ermahnendem Ton, so berührend wie zeitlos ist.

John Perry Barlow verstarb am Mittwoch im Alter von 70 Jahren. Wikipedia schreibt, er sei Poet, Essayist, Viehzüchter und Cyberaktivist gewesen, aber das trifft es nur teilweise. Die Direktorin der Electronic Frontier Foundation (EFF), Cindy Cohn, sagt: "Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass große Teile des Internets, wie wir alle es heute kennen und lieben, aufgrund von Barlows Vision und Führung existieren und gedeihen." Barlow hat die amerikanische Nichtregierungsorganisation, die seit Jahrzehnten vor allem juristisch für Meinungsfreiheit und Bürgerrechte im Internet kämpft, 1990 mitgegründet.

Er kam natürlich nicht aus dem "Cyberspace", auch wenn das eines seiner bekanntesten Zitate ist. Es stammt aus einer Rede, die Barlow 1996 beim Weltwirtschaftsforum in Davos hielt, der berühmten Declaration of the Independence of Cyberspace. Der Text ging schon damals viral – auch wenn es den albernen Ausdruck noch gar nicht gab. Weil Barlow einen Nerv getroffen hatte, weil er das Lebensgefühl einer ganzen Generation auszudrücken verstand. Kämpferisch verteidigten er und seine Mitstreiter dieses rätselhafte Neuland, das bis dato nur von wenigen Nerds bevölkert war, aber von Geheimdiensten bereits argwöhnisch beobachtet wurde. Was war das für ein Raum, der da entstand? Der, anfangs zumindest, Anonymität garantierte und sich der staatlichen Kontrolle entzog.

Das Internet als Utopie

In den frühen 1990ern hatte kaum jemand eine konkrete Vorstellung von dieser neuen digitalen Parallelwelt. Barlow diagnostizierte deshalb einen "Zukunftsschock": "Amerika trat ins Informationszeitalter ein, ohne Gesetze oder Metaphern für den angemessenen Schutz und die Übermittlung von Informationen." Während die einen das neue Zeitalter mit Ideen füllen wollten, hofften andere, das Ding namens Internet gehe bald wieder weg. Die meisten Menschen besaßen nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Google war noch nicht gegründet, Facebook schon gar nicht.

In diesem Moment fand ausgerechnet ein Mann, der bis in die späten 1980er als Viehzüchter gearbeitet hatte, die richtigen Worte. In seiner Deklaration spricht Barlow von der Entstehung eines "globalen sozialen Raums", der die unvoreingenommene zwischenmenschliche Begegnung möglich macht: "We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth."

Aus heutiger Sicht klingt das fast sträflich naiv. Die Träume der frühen Netzvisionäre sind nicht in Erfüllung gegangen. Soziale Räume sind zwar entstanden, aber sie haben viele asoziale Ecken. Das Netz konnte die Menschheit nicht versöhnen. Im Gegenteil, es steht nun mehr denn je im Ruf, durch Echokammern die Radikalisierung einzelner Gruppen und die gesellschaftliche Zerrüttung zu befördern. EFF-Chefin Cohn scheint diese Einwände vorauszuahnen, denn sie nimmt Barlow in ihrem Nachruf in Schutz. Er habe auch die möglichen negativen Auswirkungen gekannt, sich aber bewusst entschieden, das positive Potenzial in den Vordergrund zu stellen. "So I predicted Utopia", zitiert sie den EFF-Gründer. Deshalb habe ich Utopia vorhergesagt, diesen gleichwohl schönen wie unerreichbaren Ort – um der Freiheit einen Vorsprung zu verschaffen.