Headset Edelfreisprechgerät mit kleinem Rauschproblem
Das Jawbone Prime verschmilzt fast mit der Ohrmuschel, die Sprachqualität ist sehr gut. Solange jedenfalls, bis man das Telefon in der unteren Jackentasche verstaut hat.
© Jawbone

Das Jawbone Prime im modischen Grün
Wer Freisprecheinrichtungen benutzt, hat oft Angst, dabei doof auszusehen. Um dem entgegenzuwirken, kann man immer wieder Handybenutzer dabei beobachten, wie sie sich mit der Hand das Mikrofon am Kabel ihres Freisprechteils vor den Mund oder das Telefon vors Gesicht halten. Manche Menschen drücken auch mit dem Zeigefinger auf ihr Ohr, um allen Umstehenden klar zu machen, dass sie telefonieren, und nicht mit sich selbst reden.
Für diese fehlende soziale Akzeptanz des Freisprechens hat auch die Firma Jawbone mit ihrem neuen Spitzenprodukt Jawbone Prime keine Lösung gefunden. Zwar hat sich der Chefdesigner Yves Behar angeblich von den Farben aus den Sommer Fashion Trends 2009 inspirieren lassen und hofft, dass die knalligen Farben „den individuellen Style“ der Träger unterstützen. Fraglich bleibt, ob die knalligen Farben vermeintliche Selbstgespräche besser aussehen lassen. Um Funktionalität und soziale Akzeptanz des neuen Jawbone Bluetooth Freisprech-Sets ausprobieren, hilft nur der Drei-Tage-Selbstversuch.
Ob am Arbeitsplatz, im ICE oder an der Supermarktkasse: Solange man das Teil nur im Ohr trägt und nicht telefoniert, verhalten sich die Mitmenschen wie immer. Dass es mir selbst im Ohr kaum aufgefallen ist, hat mich am allermeisten gewundert. Es ist sehr klein und leicht und hält sich auch ohne Bügel ganz hervorragend im Ohr. Auch nach mehreren Stunden im Ohr stört es nicht. Jawbone liefert Ohrteile in verschiedenen Größen mit, auch einen Bügel kann man sich, wenn man will, anklemmen. In mein Ohr passte der Standard-Stöpsel wie angegossen.
Wenn man das Jawbone zum ersten Mal einschaltet, ist es sozusagen im Paarungs-Modus und lässt sich mit dem Handy verbinden. Das geht einfach und schmerzfrei, ich habe es mit einem Smartphone ausprobiert und sobald die Verbindung steht, tutet das Ohrteil einem freundlich und leise ins Ohr. Wenn man sich mehr als 5 Meter von seinem Handy entfernt und die Bluetooth-Verbindung zusammenbricht, signalisiert das Gerät das mit einem etwas tieferen, traurigeren Tuten. Sobald man sich seinem Handy wieder nähert, verbindet es sich automatisch neu und tutet wieder kurz ins Ohr, diesmal fröhlicher. Zum Telefonieren benutzt man das Handy wie sonst auch, wählt eine Nummer und spricht. Das klappt alles wunderbar einfach und intuitiv.
Für weitere Interaktion mit dem Jawbone musste ich dann aber doch einen Blick ins Handbuch werfen. Das Gerät hat auf den ersten Blick gar keine Knöpfe. Der weiße Gummi-Pin, der vorne rausragt und einem Knopf am ähnlichsten sieht, ist ein angeblich hochempfindlicher Sensor, der dem Headset ermöglichen soll, zwischen Sprache und Umgebungslärm zu unterscheiden. In der Anleitung steht, dass das Gerät tatsächlich zwei Bedienungsknöpfe hat, einen „Lärmassistenz-Knopf“ und einen „Sprech-Knopf“. Die Knöpfe funktionieren ähnlich wie die tastenlosen Mäuse von Apple, bei denen die ganze Gehäuseoberseite als Taste dient. Leider ist der Druckpunkt dieser Knöpfchen kaum zu spüren. Wenn sich das Gerät im Ohr befindet, dauert es anfangs eine ganze Weile, bis man die richtige Stelle gefunden hat. Da fühlt man sich schnell wieder ein bisschen blöd, wenn man mit dem Finger im Ohr rumbohrt, während das Telefon klingelt.
Wenn man endlich die richtige Stelle gefunden hat und das Gespräch angenommen hat, telefoniert es sich sehr angenehm. Die Sprachqualität ist der Preisklasse entsprechend sehr gut. Zumindest um einiges besser als das Billig-Headset für 30 Euro, das ich vor einer Weile mal ausprobiert habe und aus dem ich immer nur den Satz hörte: „Ich ruf dich mal auf dem Festnetz an.“ Allerdings hat auch dieses Edelfreisprechteil seine Schwächen. Die Bluetooth-Verbindung bleibt zwar über drei bis sechs Meter erhalten, aber wenn das Telefon mehr als einen Meter entfernt ist, fängt die Verbindung bereits zu rauschen und zu stocken an. Wenn sich das Gerät im rechten Ohr befindet, ist die Strecke zur linken, unteren Jacketasche bereits zu lang. In der rechten Jackettasche oder wenn man sich das Telefon vors Gesicht hält funktioniert es. Es kann aber auch sein, dass dies mit der unzureichenden Bluetooth-Sendeleistung meines Handys zusammenhängt. Und wird daher wohl für die meisten Handys zutreffen.
Die weiteren Funktionen des Jawbones erschließen sich erst nach dem Studium des Handbuchs (oder genauer: Handzettels). So schaltet man das Jawbone aus oder ein, wenn man länger als zwei Sekunden auf die Sprechtaste drückt, einen Anruf weist man mit einem kurzen Druck auf den Lärmassistenz-Knopf ab. Wenn man ihn einmal drückt, erhöht man die Lautstärke, wenn man ihn dreimal drückt, wählt man die zuletzt gewählte Nummer erneut und wenn man ihn zwei Sekunden lang drückt kann man Sprachkomandos an das Handy senden. Wie man die Lärmassistenz abschaltet oder das Indikator-Licht aktiviert oder deaktiviert ist in der Anleitung ebenfalls beschrieben, überstieg aber meine kognitiven Fähigkeiten.
Das Jawbone hat eine unverbindliche Preisempfehlung von 110 Euro. Dafür bekommt man eine sehr edel, wie einen Parfüm-Flakon verpackte Freisprecheinrichtung, ein USB-Ladekabel, das man an einer Steckdose oder einem Computer verwenden kann und eine knopflos erscheinende, sehr leichte und gut zu tragende Freisprecheinrichtung. Alles fein. Nur das Problem mit den fragenden Blicken, das bleibt.
- Datum 01.10.2009 - 11:02 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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