Öko-Handy Mobiltelefone funken auf der grünen Welle
Handys aus Stärke, Holz oder recyceltem Plastik – die Branche verpasst sich einen grünen Anstrich und will so um Kunden werben. Doch nicht jede Idee überzeugt.
© Tim Boyle/Getty Images

Dass Handys problematischer Müll sind, ist inzwischen vielen bewusst, ihr Recycling aber ist längst noch nicht selbstverständlich
Telefonieren in der Holzklasse – das könnte zum Trend werden für Menschen, die ihre ökologische Gesinnung gerne offensiv zur Schau tragen wollen. Was von weitem aussieht wie ein Stück Holz am Ohr, erweist sich auf den zweiten Blick als Handy – allein das Gehäuse besteht aus dem natürlichen Material. Nokia erprobte einen Prototyp, und nun hat der japanische Mobilfunkkonzern NTT Docomo mit Sharp und Olympus ein Holzhandy namens "Touch Wood" geformt. Zum Einsatz kommt nur Restholz von Zypressen aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Zwar ist der Serienstart unklar, doch das Gerät zeigt: Die Branche verpasst sich derzeit einen grünen Anstrich.
Ein Zeichen setzte der Mobiltelefonanbieter NEC bereits vor vier Jahren: Die Japaner stellten damals ein biologisch abbaubares Handy vor, dessen Gehäuse aus Mais- und Kartoffelstärke bestand. Durchsetzen konnte sich das exotische Gerät jedoch nicht.
Solarzellen liefern Strom
In der Wirklichkeit angekommen ist hingegen das Öko-Handy "Blue Earth" von Samsung, das voraussichtlich Ende November zum Preis von knapp 400 Euro auf den deutschen Markt kommt. Die Technik des Multimediageräts mit Touchscreen ist in recyceltes Plastik alter Getränkeflaschen eingebettet.
Samsung verarbeitet keine umweltschädlichen Chemikalien, dafür gibt es ein Solarpanel – wie beim Konkurrenten LG Electronics auch. Das soll – unter günstigen Bedingungen – das Aufladen an einer Steckdose ersetzen. "Eine Stunde Ladezeit an der Sonne liefert Strom für ein bis zu zehnminütiges Gespräch oder gut zwei Stunden Stand-by-Betrieb", sagt Mario Winter, Mobile-Marketingleiter von Samsung.
Das Gerät verfügt über einen Stromsparmodus sowie ein Ladegerät, das um 75 Prozent effizienter arbeiten soll. Nicht mehr als ein Gimmick ist die Funktion "Eco Walk": Dabei berechnet ein integrierter Schrittzähler, wie viel Kohlendioxid der Nutzer weniger ausstößt, wenn er zu Fuß unterwegs ist, statt mit dem Auto zu fahren. "Für den Markterfolg wichtig ist, dass solche Geräte trotzdem schick sind. Allerdings dürfen sie nicht deutlich teurer sein", sagt Winter. Weitere Modelle werden folgen. "Langfristig sollen umweltfreundliche Geräte selbstverständlich werden."
Gerade bei den Materialien gibt es aber noch Nachholbedarf. Seit drei Jahren verarbeiten die Hersteller immerhin kein Blei, Cadmium und Quecksilber mehr. Das ist jedoch weniger auf größeres Umweltbewusstsein zurückzuführen, sondern auf neue Gesetze.
Vor allem aber wird es höchste Zeit, den Stromverbrauch zu drosseln. Nach Berechnungen des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) braucht es allein in Deutschland zehn Großkraftwerke, um den Strom für Computer und Mobiltelefone zu produzieren. Dabei fallen 33 Millionen Tonnen Kohlendioxid an, so viel, wie der innerdeutschen Flugverkehr verursacht. Auch wenn Computer und Rechenzentren für den Löwenanteil verantwortlich sind, sei der nicht extra ausgewiesene Anteil von Mobiltelefonen erheblich, sagt Siegfried Behrendt, Experte für ökologisches Wirtschaften vom IZT.
Trend zum Ökohandy
Als zunehmendes Problem erweist sich auch der wachsende Energiehunger: "Unbemerkt wächst der Stromverbrauch bei Handys stetig, da sie meist internetfähig sind und Datentransfers sowie Downloads viel Energie kosten", sagt Siegfried Behrendt. Er rechnet mit einem Anstieg des Stromverbrauchs um 20 Prozent bis zum Jahr 2020.
Dass die Geräte einen hohen Verbrauch haben, dämmert langsam auch den Nutzern. Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts Aris im Auftrag des Branchenverbands Bitkom ist inzwischen jeder fünfte von 1000 befragten Handykäufern bereit, zehn Prozent mehr für ein umweltfreundliches Gerät zu zahlen. "Die hohen Strompreise und die Diskussion über den Klimawandel haben bei vielen Verbrauchern zu einer verstärkten Nachfrage nach umweltfreundlichen High-Tech-Produkten geführt, auch in wirtschaftlich schweren Zeiten", sagt Martin Jetter, Mitglied des Bitkom-Präsidiums.
- Datum 04.11.2009 - 11:20 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, handelsblatt.com
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