Mobiltelefone sind in Afrika keine Mangelware, DSL-Kabel und Geldautomaten schon © Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Mina, eine ghanaische Lehrerin, die im Grenzgebiet zu Togo lebt, legt einmal pro Woche eine beschwerliche Reise zurück. 45 Kilometer fährt sie mit dem Bus von ihrem kleinen Dorf zur nächst gelegenen Bank, um dort Geld einzuzahlen oder abzuheben. Den Trip macht sie nicht nur für sich. Sie hat die Bank-Karten von neun Freunden dabei. Wenn sich nicht bald eine einfachere Möglichkeit böte, Bankgeschäfte abzuwickeln, werde sie ihr Geld künftig unter dem Kopfkissen verwahren, erzählt die Pädagogin. 

Die Lösung für Mina wäre einer der sogenannten Mobile-Money-Services, die auf dem afrikanischen Kontinent schon recht beliebt sind. Dabei ersetzen SMS-Nachrichten per Mobiltelefon den herkömmlichen Geldverkehr. Am besten funktioniert das schon in Kenia. Der 2007 gestartete Service M-Pesa (Pesa bedeutet Bargeld) hat bereits sieben Millionen Nutzer, rund 40 Prozent aller Handybesitzer.

Die Transaktion kommt ohne Banken aus. Die Anbieter der sogenannten Mobile-Money-Konten sind übers ganze Land verteilt: Es können Besitzer von Tankstellen, Lebensmittelgeschäften und anderen Läden sein. Die Kunden zahlen dort Bargeld ein und überweisen es per Textnachricht an andere Nutzer, die das Geld wiederum bei einem sogenannten Cash-out-agent in ihrem Dorf abbuchen.

Eine der prominentesten Fürsprecher des mittlerweile auch in anderen afrikanischen Staaten verfügbaren M-Pesa-Services ist Dembisa Moyo, Autorin des umstrittenen Buchs Dead Aid. Die sambische Ökonomin, die Entwicklungshilfe grundsätzlich als kontraproduktiv brandmarkt, weil sie Korruption fördere und die Armen ärmer mache, hält M-Pesa für "unglaublich innovativ“. Es sei ein guter Weg, Geld in ländliche Regionen fließen zu lassen.

Die Verfechter der Mobile-Money-Angebote verweisen zwar vor allem auf die Fortschritte in Afrika, zumal dort der Mobilfunkmarkt jährlich um 40 Prozent wächst, sogar schneller als in Asien. Aber auch in den Entwicklungsländern anderer Kontinente beginnt sich der Geldverkehr via Handy durchzusetzen. Im Sommer startete in Peru der Service Pago Móvil. Damit soll es bald möglich sein, sogar Medikamente auf mobilem Wege zu bezahlen.

Die Popularität von Mobile Money erklärt sich aus der schlechten Infrastruktur in den Entwicklungsländern. Nicht nur das schwache öffentliche Verkehrsnetz und die miserable Qualität der Straßen erschweren es der Landbevölkerung bislang, Bankgeschäfte abzuwickeln. Weil es in diesen Regionen oft weder ein Strom- noch ein Kabelnetz gibt, ist auch an Telefon- und Onlinebanking nicht zu denken. Auch in Indien sei die Folge „eine finanzielle Apartheid", wie Vikram Akula schreibt, der Chef eines indischen Mikrofinanzinstituts. "Was bargeldlose Zahlungen angeht, sind arme Menschen ausgeschlossen“, sagt er. Das Potenzial für Mobile-Money-Dienste ist im 1,2-Milliarden-Einwohnerstaat besonders groß: Die indische Telekommunikationsbehörde schätzt, dass von den 471 Millionen Handynutzern im Land rund die Hälfte kein Bankkonto besitzt.

"Getting the unbanked banked“ lautet eine der Parolen der Mobile-Money-Verfechter. Erste Statistiken zeigen, dass solche Angebote den Lebensstandard der "Banklosen“ erhöhen können. Bei kenianischen Haushalten sei das Einkommen zwischen 5 und 30 Prozent gestiegen, seitdem sie M-Pesa nutzen, schätzt die Zeitschrift The Economist. Hilfreich sein können Mobile-Money-Dienste aber auch für Menschen, die durchaus über ein Bankkonto verfügen. Wer zum Beispiel sein Heimatdorf verlassen und sich einen Arbeitsplatz in der Stadt oder im Ausland gesucht hat, kann so deutlich bequemer Geld an die Familie schicken.

Der Fortschritt sei nicht zuletzt dem Erfindungsreichtum der Menschen vor Ort zu verdanken, sagt der Sozialanthropologe Ken Banks. Er hat die im britischen Cambridge ansässige Kiwanja-Stiftung gegründet, die Non-Profit-Organisationen beim Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik unterstützt. "Handybesitzer im ländlichen Uganda“ hätten "innovative Wege gefunden,“ ihre Telefone für Zahlungen zu nutzen, lange bevor sich der Service M-Pesa etabliert hat, sagt Banks. In der Hoffnung, neue Talente fördern zu können, veranstalten Universitäten in Kenia und Senegal sogenannte Boot Camps, bei denen die Teilnehmer in Crashkursen Grundlagen für die Entwicklung von Mobilen Anwendungen vermittelt bekommen. Wer allerdings mit einer Neugründung den Markt aufmischen will, hat keine besonders guten Chancen. Das Geschäft mit dem mobilen Geld dominieren die großen Namen: Safaricom, der Anbieter von M-Pesa, wird von Vodafone dominiert, hinter Pago Móvil in Peru steckt der Kreditkartengigant Visa. Nokia steigt 2010 in das Geschäft ein. Auch traditionelle Banken wollen sich ein Stück vom Kuchen sichern, nachdem sie bemerkt haben, dass ihnen in den Telekommunikationsfirmen plötzlich neue Konkurrenten erwachsen sind.

Einige Länder stehen dem Thema Mobile Money ohnehin noch reserviert gegenüber. So sind mancherorts die Regulierungsbehörden nicht bereit, Banklizenzen zu vergeben, weil sie beispielsweise von der Sicherheit des SMS-Banking nicht überzeugt sind. Die Gegenseite macht die geringen Beträge geltend, die auf diese Weise transferiert werden. Und mit Äthiopien ist das nach Nigeria bevölkerungsreichste Land Afrikas (90 Millionen Einwohner) noch von der allgemeinen Entwicklung abgekoppelt, weil nur zwei Prozent der 90 Millionen Einwohner ein Mobiltelefon besitzen.

Auf den Malediven mit gerade einmal 400.000-Einwohnern hofft man indes sehr darauf, 2010 einen Mobile-Money-Service etablieren zu können. Die Hoffnung hat hier noch einen besonderen Grund: 2004 verloren viele Bewohner ihre Ersparnisse, die sie zu Hause aufbewahrt hatten: weggespült vom Tsunami.