Apple-Store: Nacktscanner fürs iPhone

Apple gibt sich prüde und schmeißt 5000 Programme aus seinem App-Store. Es soll wohl familienfreundliche Politik für das iPad sein, ist aber eher haarsträubende Zensur.

Es gibt gute Gründe, dieses Programm bescheuert zu finden: Mit iWobble kann man das iPhone in einen Brüste-Schüttler verwandeln. Beliebige Fotos von leicht bekleideten Frauen lassen sich mit iWobble so verändern, dass das Wackeln des iPhones weibliche Geschlechtsmerkmale zum Schaukeln bringt. Das ist geschmacklos. Pornografie allerdings auch. Als aufgeklärter Mensch sollte man jedoch damit leben können, dass Männer so etwas komisch finden können. Denn Zensur, das lehrt die Geschichte, ist ein größeres Übel als schlechter Geschmack.

Apple ist anderer Meinung. Entschied man sich doch vor Kurzem, das seit acht Monaten gelistete Programm aus dem App-Store zu entfernen. Derzeit versucht der Konzern, diesen auszumisten – und gibt sich dabei prüder als ein amerikanischer Vorabendfilm: Alles fliegt raus, was nur im Entferntesten anzüglich scheint. Bild.de muss die relevanten Partien seiner Seite-eins-Mädchen schon seit Jahresbeginn mit weißen Blitzen unkenntlich machen. Stern.de flog vorübergehend gar vollständig aus dem App-Store, weil eine Bilderstrecke zu Erotik Art den Amerikanern zu schlüpfrig erschien.

Bislang konzentrierte sich die Kritik der Betroffenen darauf, dass Apple die Apps ohne Vorwarnung löschte und auch keine Begründung für die Zensur lieferte. Erstmals erhielt jetzt Jon Atherton, der Entwickler von iWobble, eine Antwort auf die Frage nach den konkreten Zensurkriterien: Apple mag demzufolge: keine Frauen in Bikinis, keine Männer in Bikinis, keine nackte Haut, keine sexuell konnotierten Worte wie "Titten", "Sex", und "Babes"(!), zudem nichts, was sexuell erregend wirken könnte, und auch keine Apps, die auf einen sexuellen Inhalt irgendwelcher Art hinweisen könnten. Anleitungen zum Strip Poker flogen ebenso raus wie japanische Bademoden, insgesamt betraf die Löschaktion 5000 Anwendungen.

Der Ton der betroffenen Verlage diesbezüglich war bislang ungerührt bis wenig kampfeslustig. "Das professionelle Business mit Apple wird erschwert, weil deren Kommunikationsprozesse dem Ansturm bisher nicht gewachsen sind", kritisierte Stern.de-Geschäftsführer Christian Hasselbring umständlich im November, als ihn das Mediennachrichten-Blog MEEDIA zum Rauswurf befragte. "Hier hätte eine proaktive Kommunikation von Apple viele Missverständnisse vorbeugen können. Diese Kommunikationsschwierigkeiten machen es Developern und speziell Medienanbietern unnötig schwer, mit Apple zusammenzuarbeiten." Soll heißen: Man möchte doch lieber im vorauseilenden Gehorsam eine Erotik-Strecke Apple-gerecht manipulieren, als komplett aus dem Rennen zu sein.

Der sanfte Ton hat womöglich einen geldwerten Grund: Denn groß sind die Hoffnungen der Medienindustrie, sich mithilfe mobiler Geräte endlich aus der "Free-Content-Falle" zu befreien. Hoffen sie doch, auf dem iPhone und noch viel mehr auch auf dem iPad wieder Geld für Inhalte verlangen zu können, die sie im Netz bislang kostenlos verteilen. Gleichzeitig aber rennen sie damit offensichtlich in eine Zensurfalle. Entscheidet doch nun Apple, was der Öffentlichkeit präsentiert werden darf.

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