KommunikationTaktvolle Telefone

Wie können Handys höflicher und empathischer werden, damit nicht jedes Klingeln stört? Ein Besuch im Forschungslabor der Telekom, wo Telefone atmen lernen. von 

Die Glastür öffnet sich nur mit einer Karte. Kameras sind verboten im Hochhaus der technischen Universität Berlin am Ernst-Reuter-Platz, 18. Stock. Vor der Tür unterlegt Linoleum den etwas schmuddeligen Charme der siebziger Jahre. Dahinter Konferenzräume, die auf elektronischen Displays anzeigen, wer den Raum als nächstes gebucht hat. Überhaupt, überall Bildschirme, allein am Empfangstresen drei.

Hier wird die digitale Zukunft erforscht, signalisieren sie, genau wie der Schriftzug am Eingang: Telekom Laboratories .

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Früher sei es ein Ereignis gewesen, wenn das Telefon klingelte, sagt Gesche Joost. Heute hätten viele Menschen zwei Handys. Joost ist Professorin an der Technischen Universität (TU) und gleichzeitig im Forschungslabor der Telekom zuständig für Interaktionsdesign – also für die Handys der nahen Zukunft und wie sie sein sollten, damit wir sie noch bedienen können.

Verständnisvoller könnten sie werden, finden die Professorin und ihr Doktorand Fabian Hemmert. "Wir haben noch den alten Begriff: Wir sagen, es klingelt, wenn jemand anruft. Das bedeutet Alarm", sagt Gesche Joost. Diese Metapher passe gar nicht mehr dazu, wie wir heute kommunizierten. Viel zu alltäglich seien doch die ständigen Anrufe, längst nichts Besonderes mehr.

Joost und Hemmert wollen Kommunikationsgeräte – Telefone kann man sie kaum noch nennen – diesen geänderten Bedürfnissen anpassen, indem sie ihnen unter anderem Emotionen geben. Nein, sie sollen nicht fühlen können. Aber sie sollen uns zeigen, in welchem Zustand sie sich befinden oder wie es demjenigen geht, der anruft.

Das große Problem sei doch, sagt Hemmert, "dass Technik immer komplizierter wird, Menschen aber nicht schlauer". Lösen will er das durch intuitive Bedienbarkeit. Das Gerät soll so mit uns reden, dass auch unser Körper es verstehen kann, nicht nur unser Gehirn.

Fabian Hemmert hat vor einiger Zeit bei der TED-Konferenz in Berlin einen kurzen Vortrag gehalten , der Aufmerksamkeit erregte. Zu sehen waren dabei kleine Kästen aus durchsichtigem Plastik, die dank Motoren im Inneren dicker oder dünner und dank verschiebbarer Gewichte mal vorn, mal hinten schwerer wurden. Auch die Simulation von Atmung sei möglich, sagte er.

Was wie die Spielerei eines Legobastlers aussah, sind ernsthafte Überlegungen zur Frage, wie sich digitale und damit nicht greif- und erfahrbare Inhalte in unsere stoffliche Welt übertragen lassen. Eben indem das Handy in der Hosentasche friedlich atmet, also dicker und dünner wird, wenn niemand anruft und sein Akku voll ist, sagt Hemmert. Und hektisch, wenn der Chef etwas von einem will.

"Wie können wir Kommunikation und Umgang mit Technik so gestalten, dass sie natürlich sind und uns einfach von der Hand gehen?" Diese Frage wolle er lösen. Vielleicht, und nun holt er zwei ganz normale Android-Mobiltelefone aus einer Schachtel, indem die Technik höflicher werde. Klingt seltsam, ist in der Umsetzung aber sofort einleuchtend.

Leserkommentare
    • joG
    • 28. Oktober 2010 14:35 Uhr

    ....klingelte, sagt Gesche Joost."

    Besonders interessant zum Studium des Volkscharakter und dessen Wandlung über die Zeit ist die Entwicklung der Reaktionen der Beobachter auf dieses Klingeln. Vor 25 Jahren wurde man in der Bahn offen angefeindet und beschimpft, vielleicht aus Neid, wenn das Telefon ging. Heute hat ja jeder ein Handy und man braucht nicht mehr aggressiv werden.

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  • Schlagworte Telekom | Kommunikation | Akku | Hardware | Technik | Technologie
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