Das weltweite Mobilfunksystem ist veraltet , und wer telefoniert, dem kann jeder zuhören, zumindest im Prinzip. Das sagt Karsten Nohl, Kryptograf, Hacker, der Sperrcodes knackt und Fehler findet. Um Nutzer zu warnen – und Anbieter.

Plötzlich wird es ganz still im Saal. Gebannt verfolgen etwa tausend Zuschauer, wie zwei junge Männer an einem Tisch sitzen, vor sich einen Laptop und ein paar Mobiltelefone. Eine halbe Stunde lang haben sie ihr Vorhaben erklärt. Mehr als vier alte Handys, Stückpreis zehn Euro, und ein gängiger Computer mit frei zugänglicher Software sei nicht nötig, haben sie gesagt. Schon könne man sich eine eigene Sende- und Empfangsstation bauen und damit jedes Mobilfunkgespräch und jede SMS-Nachricht abhören und entschlüsseln.

Berlin, Kongresszentrum am Alexanderplatz, Ende Dezember. Der Computerwissenschaftler Karsten Nohl und sein belgischer Kollege Sylvain Munaut wollen demonstrieren, wie leicht sich über Handy geführte Telefongespräche abhören lassen.

Sie haben die Arbeitsweise von "Base Stadions“, "Frequency Hopping“ und all den anderen technischen Elementen, mit denen das Mobilfunksystem arbeitet, erklärt. Nun folgt der praktische Teil. Zunächst führen sie vom einen Ende der Bühne zum anderen ein kurzes Telefonat miteinander, dann schweigen sie. Nur auf der Leinwand hinter ihnen erscheinen Hunderte von Datenzeilen in rasender Folge, deren Bedeutung sich bei diesem Chaos Communication Congress, der jährlichen Versammlung der globalen Hackergemeinde, nur den Insidern erschließt. Die Spannung steigt. Dann kommt die Erlösung.

"Hello, Karsten here, how are you?“, tönt es durch die Lautsprecher, und eine weitere Stimme antwortet, "Hi, I am fine“, der Beginn des kurz zuvor geführten Gesprächs. Der Rest ist nicht mehr zu verstehen. Brausend erhebt sich der Applaus, minutenlang. Bescheiden senkt Nohl den Kopf und murmelt ein "Thank you“ ins Mikrofon. Aber ein Lächeln kann er sich nicht verkneifen.

Denn er hat demonstriert, dass eines der wichtigsten technischen Systeme der Welt gravierende Schwächen hat und hoffnungslos veraltet ist: Das "Global System for Mobile Communications“, kurz GSM. Mehr als vier Milliarden Menschen weltweit kommunizieren mit ihren Handys über das System. Und jeder kann ihnen im Prinzip dabei zuhören.

Ob bei Geschäftsleuten oder Politikern, Staatsanwälten oder Polizisten, die höchst vertrauliche Informationen über ihre Mobiltelefone austauschen. Sie alle mögen darauf vertrauen, dass ein Lauschangriff allenfalls von amtlichen Ermittlern mit staatlicher Erlaubnis über Anschlussstellen in den Netzwerkzentralen erfolgt. Doch das große Lauschen ist offenkundig auch ganz anderen Akteuren möglich: privaten Detekteien, Wettbewerbern und Kriminellen.

Zwar kritisieren Fachleute schon seit mehr als zehn Jahren, dass die GSM-Technik unsicher sei . Doch stets behaupteten Hersteller und Netzbetreiber, das sei übertrieben. So erklärte eine Sprecherin des Weltverbandes der Mobilfunkindustrie (GSMA) noch im Dezember 2009, das Entschlüsseln des Mobilfunkcodes sei nur "theoretisch möglich, aber praktisch unwahrscheinlich“. So war die Demonstration des Gegenteils beim Hackerkongress eine weitere Etappe in einem seit langem geführten Streit. Und sie zeigt, wozu "Hacken“ gut ist.

Während Computertechnologien im Alltag vieler Menschen immer wichtiger werden, sparen Hersteller und Betreiber bei der Sicherheit und operieren mit veralteter oder ungeprüfter Software, die für die Nutzer erhebliche Risiken birgt. Diese Praxis gerät jedoch immer stärker unter Druck. Denn die weltweit vernetzte Gemeinschaft aus unabhängigen Programmierern und Sicherheitsforschern, die dagegen vorgehen, wächst beständig. Sie begeistern sich für die Technik, aber sie wollen sich den Geschäftsstrategien der Konzerne nicht unterwerfen und fordern die Offenlegung und Prüfung von deren Software. Darum knacken sie geheime Sperrcodes, weisen Sicherheitslücken nach, schreiben bessere Software, die offen zugänglich und überprüfbar ist ( Open-Source ). So formieren sie eine Art Gegenkultur des Computerzeitalters.

Zu der zählt auch Karsten Nohl, der so hartnäckig gegen die Nachlässigkeit der Mobilfunkbetreiber zu Felde zieht. Gerade 29 Jahre alt und ausgestattet mit einem Diplom in Elektrotechnik sowie einem amerikanischen Doktortitel der Computerwissenschaft , ist Nohl ein gefragter Experte für die Sicherheit von chipgesteuerten Zugangskarten. Seine Wohnung in Prenzlauer Berg steht voll mit der nötigen Ausrüstung – vom hochauflösenden Mikroskop für die Analyse der Mikrochips bis zum Hochleistungsrechner für komplexe Verschlüsselungsmathematik.