Im Markt der Mobiltelefone geht es längst nicht mehr um einzelne Geräte oder Firmen, es geht um Kulturen. Oder, wie es in einem gemeinsamen offenen Brief heißt , den die Firmenchefs von Microsoft und Nokia gerade verfasst haben: "Heute wird aus einem Kampf mobiler Geräte ein Kampf zwischen mobilen Ökosystemen."

Nokiachef Stephen Elop und Microsoftchef Steve Ballmer verkündeten gerade, dass beide Konzerne künftig im Bereich Smartphones kooperieren werden. Nokia bringt die Hardware und seine mobile Kartensoftware ein, Microsoft das Betriebssystem Windows Phone und die "Marken, die Nutzer sich wünschen", wie Ballmer in einer Videobotschaft sagte: die Suche Bing, das Büropaket Office und die Spieleplattform Xbox Live. Die beiden Downloadplattformen Ovi-Store (Nokia) und Market Place (Microsoft) werden verschmolzen.

Erleichtert wurde die Kooperation sicherlich dadurch, dass der neue Nokiachef Elop zuvor Manager bei Microsoft war .

Für beide Konzerne, immerhin einst die größten in ihrem jeweiligen Markt, verbirgt sich dahinter jedoch eine schmerzhafte Erkenntnis: Nur noch gemeinsam können sie gegen die bestehen, die inzwischen diesen Kampf der Ökosysteme oder Kulturen dominieren, Firmen wie Google, Apple oder demnächst wohl auch Facebook .

Nokia und Microsoft haben daher beschlossen, sich zu verbünden. Nokia wird als Betriebssystem für seine Smartphones künftig hauptsächlich die Neuentwicklung von Microsoft einsetzen, Windows Phone. Das seit Jahren mit Aufwand entwickelte Nokiasystem Symbian soll nicht aufgegeben werden, zumindest nicht sofort. Man wolle es weiter unterstützen, so Nokia.

Sterben wird dagegen wohl das System MeeGo und das darauf basierende Smartphone Nokia E9. Das gibt es noch gar nicht. Gerüchten zufolge sollte es auf dem Mobile World Congress in Spanien in der kommenden Woche zum ersten Mal gezeigt werden. Nun aber heißt es, das eigentlich als neues Topmodell geplante Gerät werde eingestampft .

Schmerzhaft für Microsoft ist die Kooperation insofern, als sie das Eingeständnis bedeutet, dass das neue mobile Betriebssystem Windows Phone 7 ohne Hilfe nicht groß werden kann. So gut Windows Phone sein mag, ohne Verbreitung auf möglichst vielen Geräten würde es offensichtlich scheitern. Nokia werde dabei helfen, heißt es in dem gemeinsamen Brief, "die Zukunft von Windows Phone zu definieren und anzutreiben".

Gleichzeitig verabschiedet sich der Konzern damit wohl endgültig von der Idee, selbst Hardware anzubieten. Im Sommer 2010 hatte Microsoft bereits die Eigententwicklung Kin gestoppt , die neue Software WP7 wurde auf Geräten von Herstellern wie HTC oder Motorola ausgeliefert. Als großer Erfolg gilt das Betriebssystem trotzdem nicht, die Kritiken waren eher verhalten .

Verzweiflungstat?

Doch was klingt wie eine schlaue Entscheidung, wird von Analysten an der Börse etwas anders gesehen. Die Nokia-Papiere stürzten nach der Ankündigung um gut zehn Prozent ab.

"Diese Partnerschaft gründet auf der Angst beider Seiten, von Apple und Google an den Rand gedrückt zu werden. Aber sie ist keine Patentlösung für die Probleme", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Analysten Geoff Blaber von CCS Insight. "Das ist eine Offenbarung, dass Nokia mit seiner Plattform-Strategie auf ganzer Linie gescheitert ist, und betont den Ernst der Lage für das Unternehmen. Solch ein Schritt wäre noch vor zwölf Monaten undenkbar gewesen", sagte Blaber.

Auch der neue Nokiachef scheint darin eher eine Verzweiflungstat zu sehen. In einem internen Brief an seine Mitarbeiter, den das Technikblog Engadget öffentlich gemacht hat , schreibt er: Nokia stehe "auf einer brennenden Ölplattform" und es gebe gleich mehrere Lecks, aus denen brennendes Öl austrete. Zwar habe man viele spannende und gute Projekte, könne sie aber nicht schnell genug auf den Markt bringen. Außerdem dominiere Apple inzwischen das Hochpreis-Segment, Google den mittleren Bereich und Billiggeräte kämen aus China. Es bleibe nur die Wahl, zu sterben oder ins kalte Wasser zu springen.

Offensichtlich will Nokia springen, wenn auch nicht mit allen Mitarbeitern. Chef Elop kündigte an , dass in Nokias Werken in Finnland und im Rest der Welt Personal entlassen werden muss.

Die Konkurrenten geben sich skeptisch, dass anschließend auch das Schwimmen gelingt. Zumindest twitterte Vic Gundotra, Googles Chef der Entwicklungsabteilung , in Anspielung auf die Kooperation: "Zwei Truthähne machen noch längst keinen Adler."