Ich habe lange nicht begriffen, was die Vorteile dieser Tablet-Computer sein sollen. Nach anderthalb Wochen mit dem Blackberry Playbook hat es nun bei mir Klick gemacht, und ich habe erkannt, wozu sie eigentlich gut sind. Der Vorteil ist, dass ich fast alles, was ich sonst am Schreibtisch gemacht habe, jetzt im Bett erledigen kann.

Morgens im Bett Überschriften überfliegen und zum später lesen markieren, im Postfach nach E-Mails sehen – das alles geht auch auf einem mickrigen Smartphonebildschirm. Doch spätestens wenn ich eine E-Mail beantworten, ein Zitat kopieren oder etwas notieren, ändern oder sichern möchte, muss ich mich an mein Laptop setzen. Mit einem Tablet lässt sich das auch relativ bequem im Bett erledigen. Bequemer zumindest als mit dem Telefon.

Das Playbook von Research in Motion war also gut genug, um mir die Vorzüge von Tablet-Computern schmackhaft zu machen. Leider aber ist es zu unausgereift, um mich diese Vorzüge auch genießen zu lassen. Keine Frage, das Playbook hat viele Stärken – nur kann es die kaum ausspielen.

Die Werbung verspricht ein rasend schnelles Tablet: Ein-Gigahertz-Dual-Core-Gedöns mit einem Gigabyte Arbeitsspeicher und "symmetrischem Multi Processing". Und womit demonstriert der Hersteller das "High-Performance-Erlebnis" in seiner Werbung? Mit Need for Speed Undercover, einem drei Jahre alten Spiel, das sogar auf dem zwei Jahre alten und sehr, sehr schwachbrüstigen Palm Pre ruckelfrei läuft.

Überhaupt dürfte Geschwindigkeit allein Computerbenutzern heutzutage ziemlich egal sein. Denn ob ich mit dem ICE 230 Kilometer in der Stunde fahre oder 180, ist subjektiv kein großer Unterschied. Wichtig ist nur, dass er nicht mitten auf der Strecke stehen bleibt. Das tut das Playbook nicht, es hat ausreichend Hubraum.

Flash

Besonders stolz scheint der Hersteller darauf zu sein, dass sein Tablet – im Gegensatz zum iPad, dessen Hersteller sich weigert, das Format zu nutzen – mit Adobe-Flash umgehen kann. In der Tat funktioniert Flash auf dem Playbook. Ich konnte mir beispielsweise eine Folge der Daily Show mit Jon Stewart ansehen, die nicht mehr, aber auch nicht weniger ruckelte als auf dem Laptop.

Leider ruiniert Flash jedoch die Logik der Touchscreen-Benutzung. Um auf einer Website zu scrollen, sie also nach oben oder unten zu verschieben, genügt es normalerweise, sie mit dem Finger hoch oder runter zu schieben. Wer dabei aber aus Versehen eine Stelle der Website berührt, an der ein Flashfilm sitzt, bewegt nicht die Website, sondern der Flashfilm fühlt sich angesprochen. Das führt dazu, dass Flash Links öffnet oder irgendeine Werbebotschaft aus den Lautsprechern plärrt, obwohl man doch nur blättern wollte. 

Dabei macht Flash nicht nur den Browser unbenutzbar, es treibt auch noch die Ladezeiten von Websites und die Temperatur des Playbooks empfindlich in die Höhe. Alles gute Gründe, weshalb man Flash auf dem Gerät sofort deaktivieren sollte.

Browser

Dabei ist der Browser (nach Deaktivierung von Flash) wirklich gut. Im WLAN ist er sehr, sehr schnell. Ich habe auch bei kaum einer Seite Darstellungsprobleme erkennen können. Der Browser rendert die Schrift angenehm weich und gut lesbar, und Texteingabe und Texteditierung funktionieren über die Bildschirmtastatur auf Websites (und auch sonst) schmerzfrei.

Aber auch der Browser kann sein Potenzial nicht ausspielen, weil Blackberry sich leider gegen Benutzerfreundlichkeit und gegen ein stringentes Konzept entschieden hat. Das Bedienungskonzept des Playbooks basiert wie das des Palm Pre, beziehungsweise neuerdings auch des HP Pre, und des HP Touchpads auf einer anschaulichen Kartenmetapher. Laufen mehrere Programme nebeneinander, werden sie aufgereiht wie Karteikarten angezeigt. Man kann Karten zur Seite schieben, auswählen oder auch beenden, indem man sie nach oben aus dem Bildschirm schiebt. Das funktioniert wunderbar und mit einfachen, verständlichen Gesten.

Innerhalb des Browsers aber wurde das Konzept nicht verwendet. Sind mehrere Websites auf einmal geöffnet, ist der Wechsel zwischen Browserfenstern oder Tabs ungleich beschwerlicher als der Wechsel zwischen Programmen. Um in ein anderes Browserfenster zu wechseln, muss mit einer Wischgeste eine Miniaturansicht aller Browsertabs aufgerufen werden, anschließend kann das gesuchte ausgewählt werden. Soll ein Tab geschlossen werden, muss man mit angespitztem Finger eine zwei Millimeter kleine Schließfläche treffen. Die bequeme nach-oben-wegwischen-Geste gibt es hier nicht.

Geradezu aggressiv hat mich aber eine andere Entscheidung von RIM gemacht. Findet das Playbook kein WLAN, kann es die Internetverbindung eines Blackberrys mitnutzen. Das ist erfreulich. Dass dieses Tethering, Blackberry Bridge genannt, aber nur funktioniert, wenn ein anderer Browser benutzt wird, ist eine Frechheit.

Denn der normale und der Bridge-Browser reden nicht miteinander, sie teilen weder ihre Einstellungen, noch ihre Cookies oder Lesezeichen. Das Konfigurieren der Lieblingsseiten, die Eingabe von Passworten – alles muss dadurch zwei Mal erledigt werden. Vor meinem inneren Ohr hörte ich dabei RIM-Ingenieure den Schreckensruf der sechziger Jahre rufen: "Draußen nur Kännchen!"

Die unterbrochene Browserbrücke ist dabei nur eine von vielen Lästigkeiten: Browser und Mediaplayer stürzten zuverlässig ab, gern auch mehrmals in der Stunde, beim Einrichten fehlten in der Länderauswahl die Länder, was mehrere Neustarts nötig machte, der Lagesensor schaffte es nicht, hochkant fotografierte Fotos auch hochkant darzustellen, eine USB-Verbindung zu einem Macbook gelang immer erst beim dritten Versuch. Dass das Tablet sich nicht entscheiden kann und einen abwechselnd duzt und siezt, kann dabei schon fast als liebenswerte Schrulligkeit durchgehen ("Du hast keine Benachrichtigungen", "Wählen Sie ein Netzwerk aus").

Das Gerät hat (noch?) so viele Macken, dass sich der Eindruck aufdrängt, der Hersteller hätte besser mehr Zeit mit Entwicklung und Tests verbracht. Immerhin scheint sich RIM zu bemühen, die Bugs nach und nach auszubessern. In den anderthalb Wochen, in denen ich das Gerät benutzte, gab es mindestens vier automatische Updates. Die ließen sich zwar alle problemlos einspielen, brachten aber auf den ersten Blick keine sichtbaren Verbesserungen.

Zielgruppe

Ich frage mich, an welche Zielgruppe RIM dachte, als das Playbook entwickelt wurde. Ohne ein Blackberry-Telefon ist das Gerät nutzlos. Dabei aber wirkt die Bridge-Funktion, mit der Inhalte des Blackberry mitbenutzt werden können, eher wie das Eingeständnis, die Bedienung der Blackberrys sei stark verbesserungsfähig.

RIM behauptet in der Werbung, das Playbook sei das "weltweit erste Tablett für Profis". Das deckt sich mit meinen Erfahrungen insoweit, als dass ich es für unmöglich halte, dass Laien oder Nichtinformatiker es überhaupt einrichten können. Und wenn es für Profis gedacht ist, erscheint die Benennung mit dem Begriff Playbook leicht verunglückt.

Die "Profi"-Positionierung ist aber auch deshalb bedauerlich, weil die einzige Stärke des Playbooks aus meiner Sicht das Lesen, Browsen und Gucken ist. Es hat einen exzellenten Browser, ein anständiges PDF-Leseprogramm und einen Media-Player, der erstaunlich viele Formate abspielt.

Das iPad akzeptiert nur Inhalte aus den Apple-eigenen Läden oder erfordert stundenlanges konvertieren, um Bewegtbilder aus anderen Quellen anzusehen. Das Playbook dagegen spielt klaglos ab, was man ihm in den Speicher kopiert. Das ruckelt nicht, hört sich gut an und der Akku hält lang genug, um gleich mehrere Filme zu sehen.

Aber auch diese Stärke spielt das Playbook nur halbherzig aus. Denn einige Darstellungen wie Video_TS und einige Mpeg-2-Formate spielt das Playbook dann eben doch nicht ab. Weder der Video-, noch der Audioplayer sind außerdem in der Lage, sich zu merken, an welcher Stelle eine Film- oder eine Audiodatei beim letzten Mal beendet wurden. Sie beginnt bei jedem Start von vorn.

Fazit

Das Playbook ist kein schlechtes Gerät. Aber es erinnert mich an einen Ferrari, der mit leerem Tank auf einer Schotterpiste steht: schön anzusehen, theoretisch irre schnell, aber praktisch nicht zu gebrauchen.

Es ist ungefähr 200 Gramm leicher als ein iPad, wirkt aber, weil es kleiner als der Konkurrent ist, irre schwer. Es kostet außerdem so viel wie ein iPad, was teuer erscheint. Im Gegensatz zu diesem hat es bisher kaum Apps anzubieten, die auf ihm laufen.

Blackberry  behauptet, das Playbook könne alles und sogar noch ein bisschen mehr. Man kann dieser steilen These eigentlich nur entgegensetzen: schön wär's. Anders gesagt, nachdem ich das Playbook getestet habe, stehe ich kurz davor, mir ein iPad zu kaufen.