Die Freude an der einstigen Gelddruckmaschine SMS ist den Mobilfunkunternehmen vergangen. Der Siegeszug der Smartphones hat dazu geführt, dass immer mehr Kunden über Alternativdienste wie WhatsApp, iMessage , Google Talk oder den Facebook Messenger entweder ganz kostenlos oder zu geringen Pauschalen kommunizieren, ohne sich über die lästige 160-Zeichen-Beschränkung einer SMS Gedanken machen zu müssen. Das kann den Mobilfunkfirmen alles andere als recht sein, zumal die Börsenanalysten ihr Augenmerk auf den zurückgehenden SMS-Verkehr gerichtet haben. Die Antwort der Konzerne auf die Alternativdienste heißt Joyn. Hinter dem Kunstwort verbergen sich die englischen Vokabeln Join und Joy.

Sich mit Freude verbinden, so könnte der vom internationalen Verband der Mobilfunkbetreiber GSMA entwickelte Dienst übersetzt werden. Als erster Mobilfunkbetreiber in Deutschland will Vodafone im Mai mit Joyn starten. Die Deutsche Telekom stellt die Einführung im Sommer in Aussicht. 02 beziehungsweise Telefonica Deutschland will den SMS-Nachfolger ebenfalls anbieten, über den Starttermin und die Details werde zu einem späteren Zeitpunkt informiert, teilte das Unternehmen mit. Die E-Plus-Gruppe wartet erst einmal ab, wie der neue Dienst angenommen wird. Das aber wird nicht zuletzt von der Tarifierung abhängen, doch dazu hat sich bislang noch kein Anbieter geäußert.

Vom Funktionsumfang her zieht Joyn mit den Alternativdiensten gleich, erklärt Rafaela Möhl, Telekommunikationsexpertin des Portals Teltarif.de. Der Dienst, dessen technischer Name "Rich Communication Suite-enhanced" oder kurz RCSe lautet, beherrscht neben dem Austausch von Textnachrichten auch Videogespräche und den Transfer von Dateien, also zum Beispiel von Fotos. In Zukunft könnten weitere Anwendungsfelder hinzukommen, beispielsweise für Spiele oder den Kundendienst von Firmen.

Um alle Vorteile des neuen Dienstes nutzen zu können, wird allerdings ein Smartphone benötigt, in das Joyn komplett integriert ist. Vodafone wird den Nachrichtenservice zuerst auf dem Samsung Galaxy S2 anbieten. Zwar ist geplant, Joyn auch als nachinstallierbare App für gängige Smartphone-Systeme wie iOS, Android oder Windows Phone bereitzustellen, doch um direkt aus dem Adressbuch heraus eine Joyn-Nachricht abzusetzen, muss der Dienst komplett integriert sein. Neben Samsung haben bereits HTC , Nokia und LG ihre Unterstützung angekündigt. Unklar ist hingegen, wie sich Apple mit seinen iPhones verhält.

Der größte Vorteil von Joyn gegenüber den anderen Diensten liegt in der Unterstützung durch Mobilfunkbetreiber und Handyhersteller. Nur so kann sichergestellt werden, dass Joyn auch für weniger technisch versierte Nutzer ebenso einfach und selbstverständlich zu gebrauchen ist wie eine SMS. Der Kunde sieht direkt im Adressbuch, welcher Kontakt ebenfalls Joyn-Nachrichten empfangen kann. Anders als zum Beispiel WhatsApp kann Joyn zudem auf die jeweiligen Empfangsbedingungen reagieren. Lässt der Empfang beispielsweise keine Videokonferenz zu, wird dies dem System mitgeteilt. Ein Anrufer kann so rechtzeitig darauf hingewiesen werden, dass dem Adressaten zur Zeit nur eine Textbotschaft gesendet werden kann. Um eine eindeutige Zuordnung zu gewährleisten, wird WhatsApp fest einer Mobilfunknummer zugeordnet. Im Adressbuch der App werden entsprechend auch nur die eigenen Kontakte angezeigt, die WhatsApp ebenfalls installiert haben.Dessen ungeachtet sollte der Message-Dienst nur in Verbindung mit einer Datenflatrate genutzt werden, um zusätzliche Kosten zu vermeiden. Interessant dürfte in diesem Zusammenhang werden, welche Roamingkosten für die Nutzung von Joyn im Ausland berechnet werden.

Auf älteren Handys mit proprietären Betriebssystem oder ohne Internetverbindung wird Joyn hingegen nicht funktionieren. Ob Joyn eine Funktion erhalten wird, um Nachrichten in solchen Fällen automatisch in eine SMS umzuwandeln, ist nicht bekannt.

Eine der wichtigsten Fragen zu Joyn wird die Preisgestaltung sein, aus der die Firmen allerdings ein ungewöhnlich großes Geheimnis machen. "Jeder Preis wird an der Konkurrenz der Umsonst-Anbieter gemessen", sagt Rafaela Möhl. Vorstellbar wäre aus ihrer Sicht darum, die Joyn-Nutzung entweder direkt in einen Datentarif zu integrieren oder spezielle Pauschalen anzubieten.

Komplett umsonst sind auch Konkurrenzdienste wie WhatsApp nicht, zumindest nicht auf Dauer. Nur im ersten Jahr können die Nachrichten ohne zusätzlichen Kosten verschickt werden, vom zweiten Jahr an – teilweise auch bereits nach einer erneuten Installation – werden für WhatsApp 99 Cent jährlich fällig.

Erschienen im Tagesspiegel