Missed CallsWenn das Handyklingeln die Botschaft ist

Weil es schnell und billig ist, nutzen Mobilfunkkunden in Afrika unbeantwortete Anrufe als Botschaft. "Beeping" ist so verbreitet, dass es für Provider zum Problem wird. von Patricia Cammarata

In Afrika besitzt heutzutage fast jeder ein Handy. Nun, fast jeder. Durchschnittlich 41 Prozent haben ein solches Gerät. Das ist im Vergleich mit den 76 Prozent des internationalen Durchschnitts wenig. Gleichzeitig besitzen die mobilen Telefone in Afrika einen völlig anderen Stellenwert, denn es gibt viel weniger Festnetzleitungen. Schon 2007 gab es achtmal mehr Mobilfunkanschlüsse als Festnetztelefone.

Die meisten Nutzer können oder wollen sich allerdings die Gebühren für mobile Anrufe oder Kurznachrichten nicht leisten. Deswegen ist eine neue Kommunikationskultur entstanden, die sich je nach Region Beeping, Missed Call oder Flashing nennt. Statt anzurufen, lässt man es nur kurz klingeln und legt wieder auf.

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Dabei lässt der Anrufer es ein- bis zweimal klingeln, so dass er sicher sein kann, dass das Telefon des Angerufenen den Anruf registriert hat und legt dann auf, bevor der Anruf entgegen genommen werden kann. Hat der Empfänger die Rufnummer des Anrufers in seinen Kontakten gespeichert, wird ihm übermittelt, wer ihn wie oft zu welcher Uhrzeit versucht hat zu erreichen.

Wer mehr verdient, muss zurückrufen

Anfangs ging es bei den Missed Calls ausschließlich um die Bitte, zurückzurufen. Dabei bildeten sich schnell Verhaltensregeln heraus. Zurückrufen muss zum Beispiel immer derjenige, der finanziell besser dasteht. Dass manche Annahme über die finanziellen Möglichkeiten nicht der Realität entspricht, bekommen vor allem jene zu spüren, die im Ausland leben. Von ihnen wird prinzipiell eine Reaktion auf ein Beeping erwartet. Für die Betroffenen wird das schnell zur sozialen und finanziellen Bürde – denn tatsächlich geht es ihnen oft nicht besser als ihren Verwandten und Freunden in der Heimat.

Doch gibt es auch Menschen, bei denen es sich verbietet, sie anzupiepen. Lehrer, direkte Vorgesetzte und die eigene Freundin sind von dieser Rückrufpflicht entbunden. Sie zu einem Rückruf aufzufordern, wird als unangemessen und unhöflich angesehen.

Mit der Zeit entstand aus diesem System ein Weg, um auch komplexe Botschaften per Anklingeln zu übermitteln. Uhrzeit und Anzahl der Beeps bestimmen dabei, wie die Nachricht lautet.

Ein Missed Call beim Partner kann beispielsweise heißen "Ich habe gerade an dich gedacht", oder "Ich vermisse dich". Zwei entgangene Anrufe können sagen, dass man sich an einem feststehenden Ort treffen möchte. Ein Anrufversuch zu einer bestimmten Uhrzeit übermittelt: "Ich bin fertig mit der Arbeit und komme jetzt nach Hause, bereite schon mal das Essen vor."

Leserkommentare
  1. Also ich kenne diese Art der Kommunikation auch aus Italien und da schon seit gut zehn Jahren. "Fammi uno squillo" etwa "Lass es kurz klingeln" ist probates Mittel für allerlei, z.B. Rückruf oder ein Zeichen, dass man bei verabredeten Ort angekommen ist etc.

  2. Diese Form der Kommunikation ist nun wahrlich nichts Neues. Aber es zeigt mal wieder, dass der Mensch doch nicht ganz so doof ist, wie man manchmal glauben könnte. Ich hoffe nur, dass die Provider jetzt nicht auf die Idee kommen, für einen "Missed Call" z.B. den halben Tarif zu verlangen. Als Netznutzungsgebühr sozusagen. Denen traue ich alles zu.

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    • brazzy
    • 06. März 2012 15:59 Uhr

    Was wäre denn bitte so verwerflich daran, wenn die Provider für diese "Nutzungsart" Geld verlangen würden? Deren Angestellte arbeiten auch nicht umsonst, und wenn 70% des Datenaufkommens aus kostenlosen "missed calls" besteht hört der Spass irgendwann auf. Bzw. müssen das halt diejenigen mit bezahlen, deren Anrufe (aus welchem Grund auch immer) nicht "missed" sind.

    Sinnvoller für Alle wär es natürlich, die Kosten für SMS auf ein Niveau zu senken dass sich jeder leisten kann und gleichzeitig die Infrastruktur für deren Bearbeitung (mit Empfangsbestätigung) zu verbessern. Dann würden für die Kunden die ganzen komplizierten Verabredungen (die bestimmt oft zu Missverständnissen führen) entfallen, gleichzeitig könnten die Kosten für Gespräche etwas sinken, und der Provider würde vermutlich trotzdem mehr verdienen.

    • pawelz
    • 06. März 2012 16:03 Uhr

    Sie trauen Mobilfunkdienstleistern tatsächlich zu, mit der Bereitstellung ihres Angebotes Geld verdienen zu wollen?
    Das wäre ja wahrlich ungeheuerlich. Und dies dann auch noch als Netznutzungsgebühr zu bezeichnen! Was fällt denen ein?! Eine Gebühr (oder noch schlimmer, Entlohnung!) dafür zu fordern, über Funkmasten (und diese Satelliten), welche eh nur dumm in der Gegend rumstehen zu kommunizieren!
    Danke für Ihren Kommentar, er hat mir die Augen geöffnet..

  3. Der menschliche Verstand kennt keine Grenzen.

  4. Wenn man wenig Geld hat aber dafür extrem viel Zeit, könnte man mit Beeping sogar vollkommen kostenfrei digital kommunizieren:

    1-2 klingeln: Bit 0
    3-4 klingeln: Bit 1

    Kurze Pause zwischen den Bits.

    :)

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    Das wird aber Informationstheoretisch zuviel Aufwand, es gibt also zu viele Zeichen resp. notwendige Bits/Zeichen. Das kann man noch optimieren um weniger Klingelzeichen zu nutzen :-)

    Oder man morst direkt, das lässt sich sehr leich einüben.

    • simlei
    • 07. März 2012 20:42 Uhr

    Denkbar ist alles =)
    sobald die unterste Ebene funktioniert, zB wie Sie beschrieben hatten, lässt sich alles darauf aufsetzen, mitsamt Fehlerkorrekturen und all diversen Protokollen ^^

    • brazzy
    • 06. März 2012 15:59 Uhr

    Was wäre denn bitte so verwerflich daran, wenn die Provider für diese "Nutzungsart" Geld verlangen würden? Deren Angestellte arbeiten auch nicht umsonst, und wenn 70% des Datenaufkommens aus kostenlosen "missed calls" besteht hört der Spass irgendwann auf. Bzw. müssen das halt diejenigen mit bezahlen, deren Anrufe (aus welchem Grund auch immer) nicht "missed" sind.

    Sinnvoller für Alle wär es natürlich, die Kosten für SMS auf ein Niveau zu senken dass sich jeder leisten kann und gleichzeitig die Infrastruktur für deren Bearbeitung (mit Empfangsbestätigung) zu verbessern. Dann würden für die Kunden die ganzen komplizierten Verabredungen (die bestimmt oft zu Missverständnissen führen) entfallen, gleichzeitig könnten die Kosten für Gespräche etwas sinken, und der Provider würde vermutlich trotzdem mehr verdienen.

    Antwort auf "Alte Zeichensprache"
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    • dubie
    • 07. März 2012 8:20 Uhr

    Das Problem ist dabei ja, dass all die, die wirklich versuchen jemanden zu erreichen, derjenige aber nicht abnimmt oder gerade in einem Funkloch ist, damit auch zur Rechnung gebeten werden.

    Wenn ich an einem Bankautomaten Geld ziehen will, dieser jedoch gerade leer ist/aufgefüllt werden muss/ausser Betrieb ist, muss ich ja auch keine "Automatennutzungsgebühr" zahlen.

    • pawelz
    • 06. März 2012 16:03 Uhr

    Sie trauen Mobilfunkdienstleistern tatsächlich zu, mit der Bereitstellung ihres Angebotes Geld verdienen zu wollen?
    Das wäre ja wahrlich ungeheuerlich. Und dies dann auch noch als Netznutzungsgebühr zu bezeichnen! Was fällt denen ein?! Eine Gebühr (oder noch schlimmer, Entlohnung!) dafür zu fordern, über Funkmasten (und diese Satelliten), welche eh nur dumm in der Gegend rumstehen zu kommunizieren!
    Danke für Ihren Kommentar, er hat mir die Augen geöffnet..

    Antwort auf "Alte Zeichensprache"
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    Ich lebe derzeit in Ruanda und kenne diese Technik hier auch. Wenn man sich mal die Preise ansieht, erklärt sich das Phänomen von selbst: Eine Gesprächsminute (immerhin sekundengenaue Abrechnung) von MTN zu MTN kostet 45 Ruanda-Franc (umgerechnet ca. 5 Cent), zum Konkurrenten tigo sogar 90 RWF (tigo zu tigo hingegen nur 3 RWF/ 0,4 Eurocent). Ein Chappati (Teigfladen), ein Ei oder eine Fleischtasche kostet hingegen 100 RWF... für viele fällt da die Entscheidung selbsverständlich leicht, ob die angestrebte Nachricht ihren Preis wirklich wert ist.

    Auch wenn die Netzauslastung dadurch steigen mag - in den Ruin treibt diese Form der Nachrichtenübermittlung jedenfalls keinen Netzbetreiber, sonst würde nicht die indische Firma Airtel/Bharti hierzulande noch in diesem Jahr als dritter Anbieter auf den Markt drängen.

    Die Masten stehen da nicht um den Grundbedarf zu decken und auch nicht aus Gemeinnützigen Zwecken, sondern weil einige Leute sehr viel Kohle damit verdienen. Wenn nun schon das Anklingeln kostenpflichtig sein soll, dann hat das Gründe der Geldmaximierung aber ganz sicher nicht der Bestandspflege. Das Glaube ich erst wenn die Milliarden Umsätze der Telefonanbieter nicht mehr vorhanden sind.

    Wegen Leuten wie Ihnen erlauben sich Firmen solche Abzocke. Weil Sie sich mit Argumenten wie "Jobs" und "Bestandspflege" so ziemlich jede Abzocke leisten können.

    Verehrter Pawelz,

    man muss ja nicht gleich ganz so ausfallend werden, auch wenn man eine andere Meinung hat.

    LG,
    atencion

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