Mobile World CongressDer Markt für Seniorenhandys boomt

Kleinere Handyhersteller aus Europa besetzen einen boomenden Markt: Sie verkaufen seniorengerechte Handys. Die großen Hersteller wagen sich noch nicht an die Nische. von Helmut Steuer und Martin Wocher

Das Modell Easy 740 von Doro

Das Modell Easy 740 von Doro  |  © Josep Lago/AFP/Getty Images

Jung, dynamisch und immer online: So definieren große Handyhersteller wie Apple, Nokia und Samsung ihre Zielgruppe. Getreu diesem Motto präsentieren sie ihre neuesten Modelle zu Hip-Hop-Musik und MTV-inspirierten Werbefilmen auf der weltweit größten Mobilfunkmesse Mobile World Congress. Doch es geht auch anders. Erste Unternehmen haben nun eine rasant wachsende Zielgruppe entdeckt: Die 65-Plus-Generation.

"Auf der Welt gibt es 518 Millionen Menschen über 65 Jahre", sagt Jerome Arnault, Chef des schwedischen Herstellers von Seniorenhandys, Doro. Noch wichtiger: Bis 2020 wird der Anteil der "Generation 65+" um 35 Prozent steigen. Der Franzose weiß das genau, denn sein Unternehmen dominiert zusammen mit der österreichischen Emporia den Markt für Handys, die auch von älteren Menschen bedient werden können.

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Der Markt für solche Geräte gilt als sicherer Wachstumsmarkt: Denn neben der demografischen Entwicklung mit immer älteren, aber noch rüstigen Menschen kommt demnächst eine Generation hinzu, die bereits mit Mobiltelefonen aufgewachsen ist. Diese Generation will auf die Annehmlichkeiten des Immer-erreichbar-Seins auch im Alter nicht verzichten.

Die Bezeichnung "Seniorenhandys" mag Arnault nicht: "Wir versuchen, jegliche Stigmatisierung zu vermeiden." Schließlich gibt niemand gerne zu, für ein iPhone zu alt zu sein. Die Hersteller der Handys mit großen Tasten und leicht lesbarem Display nennen ihre Geräte lieber "einfache Mobiltelefone", die über die wichtigsten Grundfunktionen wie SMS und teilweise auch E-Mail verfügen.

Doro verkauft eine Millionen Geräte im Jahr

Wer sich nun klobige brikettähnliche Geräte vorstellt, wird enttäuscht. Ein von einem deutschen Designer entworfenes Emporia Essence Plus muss sich nicht hinter einem eleganten Tastentelefon von Nokia verstecken.

Und selbst die populäre Touchscreen-Technik hat Einzug in das Segment der Seniorenhandys gehalten. Doro präsentierte in Barcelona ein erstes Modell mit Touchscreen und Tastatur, das es den Kindern sogar ermöglicht, das Handy ihrer Eltern über das Internet zu steuern. "Damit können sie ihren Eltern Apps herunterladen, sie orten oder ihre Kontakte aktualisieren", sagt Arnault. Auch Emporia plant ein Handy mit Navigations- und Ortungsmöglichkeiten.

Im vergangenen Jahr hat Doro weltweit eine Million Geräte für Senioren verkauft und ist damit Marktführer. Mit einer halben Million verkaufter Handys folgt der österreichische Hersteller Emporia. Emporia-Chefin Eveline Pupeter-Fellner hat sich für das laufende Jahr einiges vorgenommen: "2012 wollen wir eine Million Geräte weltweit absetzen." Auf dem Heimatmarkt Österreich sind drei Prozent sämtlicher verkaufter Handys Emporia-Geräte. Diesen Anteil möchte Pupeter-Fellner gern überall erreichen. Damit das klappt, wird ihr Unternehmen in diesem Jahr auch auf den US-Markt gehen.

Leserkommentare
  1. Also, wenn dies bald die einzigen Mobiltelefone mit Tasten sind, dann muss ich wohl auch auf diese zurückgreifen, unabhängig von meinem Alter.

  2. Redaktion
  3. Gero von Randows Artikel bringt es auf den Punkt!
    Darüber hinaus aber sollten wir aus der Gründergeneration von Computer und mobilem Telefon uns nicht generell auf "eingeschränkte Sehkraft, Motorik oder Hörvermögen" reduzieren lassen, um ein sog. Senioren-Handy (welch unsäglicher Wort-Sumpf!) zu wählen.
    Vielmehr deutet das steigende Interesse an diesen Geräten auch darauf hin, dass wir Oldies die Entwicklung mobiler Dienste einfach besser durchblicken und kritischer bewerten,- dass wir uns nicht unentwegt zudröhnen, dokumentieren und mit egomanischen Scheinangriffen unwiderruflich weltweit vernetzen b r a u c h en bzw. w o l l e n! Und vielleicht ist es auch der altmodische (?) Begriff der Nachhaltigkeit, der uns auf Distanz gehen lässt, denn die Mehrzahl der in immer schnellerem Takt auf den Markt geworfenen Verschlimmbesserungen sind häufig Gacks ohne Pointe! Der blinde Aktionismus der iPhone-Welpen soll uns anscheinend die Überlegenheit einer jüngeren Generation vorgaukeln.
    Dann doch lieber ein "Senioren-Handy" als bewusstes Statement - habe mein "All-in-One"-Gerät sofort bei Markteinführung des DORO Easy abgeschafft und fühle mich keinesfalls unterversorgt.
    Grüsse von einem schwedischen UHU (57) ohne altersbedingte Mobilitäts-Schwächen.

  4. Irgendwann kehrt man wieder dahin zurück.
    Hat ein Handy keine Tasten, sollte zumindest die Bedienung mit einem Stift möglich sein.
    Ansonsten sind ja die Schirme ständig verschmiert.

  5. Vor gut einem Jahr war ich mit meiner Oma im örtlichen Elektrodiscounter auf der Suche nach einem für sie geeignetem Handy. Zu der Zeit haben zwei Hände gereicht um das Angebot abzuzählen. Allerdings waren die Geräte sich ziemlich ähnlich: Große Tasten, großes Display, einfache Funktionalität (was in dem Kundenkreis durchaus gewollte Features sind) aber: Billigste Verarbeitung (Dünnes Plastik, dass sich beim Anfassen durchbiegt, riesengroße Spalten zwischen Gehäuse und Tasten wo einfach alles an Dreck reinfällt) und dann ein richtig unverschämter Preis. Unter 150 Euro für das billigste "Werbe-Taschenrechner"-Modell war da nix zu machen. Gleich daneben waren die normalen Consumer-Geräte mit einfachsten Funktionen (Kein Smartphone, keine Kamera) für 30 Euro in der Grabbelkiste. Klar, das war ein Sonderangebot und die Zielgruppe für die 30 Euro-Dinger ist viel größer, trotzdem hatte ich das Gefühl man versucht hier den alten Leuten ordentlich die Kohle aus der Tasche zu leiern mit möglichst billig produziertem Kram.

  6. Wie einer der Kommentatoren hier schreibt, die Handys sind bei solch kleinen Stückzahlen zu teuer. Die Smartphones haben ein entscheidendes Problem, die Oberfläche lässt sich nicht exakt an die Bedürfnisse anpassen. Das Ziel muss generell sein, eine oberfläche sich mit den systemeigenen Einstellungsmöglichkeiten an die Bedürfnisse der Nutzer anpassen lässt, Stichwort Universlles Design. Oder anders gesagt: Spezielle handys für Senioren sind fast immer Abzocke. Im Endeffekt glaube ich nicht, dass sich ein solches Segment im Markt durchsetzen wird. Niemand wird sich in einer Zeit wie der unseren mit etwas schmücken, was den Stempel Senior trägt.

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    Da sich die Alterststruktur verändert, wird auch die Nachfrage immer mehr steigen.

    Schon deshalb, weil immer mehr 'Ältere' die bereits mit IT 'aufgewachsen' sind bzw. die aufgrund ihrer Akzeptanz/Aufgeschlossenheit gegenüber moderner Technik, potentzielle Abnehmer darstellen.

  7. trotz Smartphone wahn weiter ein vernünftiges Handy mit Tasten im Programm behalten, dann braucht auch keiner so ein senioren Ding.
    Das Handy sollte einfach ein gut ablesbares Display haben mit Tasten auf denen man alles lesen kann. Die einzelnen Tasten sollten etwas getrennt sein und das Design und die Verarbeitung sollten nach Mercedes aussehen und nicht nach Trabbi. Umts Kamera und den ganzen Mist brauch es auch nicht. Fertig ist ein Handy das sicher nicht nur Menschen gut finden, die etwas älter sind. Nicht umsonst verkaufte sich ein finnisches Handy wie geschnitten Brot obwohl es schon Smartphones gab. Aber da sind die Gewinnspannen natürlich nicht so hoch wie bei den Smart- und Seniorenphones.

  8. Da sich die Alterststruktur verändert, wird auch die Nachfrage immer mehr steigen.

    Schon deshalb, weil immer mehr 'Ältere' die bereits mit IT 'aufgewachsen' sind bzw. die aufgrund ihrer Akzeptanz/Aufgeschlossenheit gegenüber moderner Technik, potentzielle Abnehmer darstellen.

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