Project Glass : Googles Datenbrille ist keine Fiktion

Google hat bestätigt, eine Brille entwickeln zu wollen, die Navigationsgerät, Kamera und vieles mehr vereint. Sie könnte bald das Smartphone ablösen.
Ein Prototyp von Googles Augmented-Reality-Brille © Google

Es gibt sie also wirklich, die Datenbrille von Google . Genauer gesagt: Es wird sie geben. Irgendwann. Der Konzern hat am Mittwoch auf Google+ bekannt gegeben , an einem "Project Glass" zu arbeiten. Bereits Anfang Februar hatten die New York Times und das Blog 9to5google.com Details über die Google-Brille veröffentlicht. Einige davon, stellt sich nun heraus, waren nicht ganz korrekt.

Die offiziellen Informationen sind bislang allerdings spärlich. Google will nach eigenen Angaben zunächst Meinungen und Anregungen zum Projekt einholen. Dafür wurden einige Fotos von Prototypen veröffentlicht, sowie ein Video, das andeutet , was die Augmented-Reality-Brille eines Tages können soll.

Dieses Video hat immerhin einige echte Wow-Effekte: Es zeigt den Tag eines Google-Brillenträgers aus dessen Perspektive – und welche Art von Informationen das kleine Display vor seinen Augen einblendet, ohne dass der Blick für die Welt verloren geht: Nach dem Aufstehen sieht er seine Termine, bei einem Blick aus dem Fenster die Wettervorhersage. Auf der Straße bekommt er aktuelle Verkehrsinformationen, außerdem dient die Brille selbstverständlich auch als Navigationsgerät.

Konzerndienste wie Google+ und Latitude sind in der Realität, die das Video zeigt, in die Brille integriert. Gleichzeitig ist sie nicht nur ein sogenanntes Head-up-Display , sondern auch eine Kamera, ein MP3-Player und ein videofähiges Mobiltelefon. Eine solche Brille wäre die Evolution der Smartphones und würde sie weitgehend überflüssig machen.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Viele dieser Funktionen hatten schon die New York Times und 9to5google.com angekündigt. Das Äußere der Brille aber entspricht nicht der Beschreibung aus den früheren Berichten. Jedenfalls sehen die Prototypen, die Google zeigt, keineswegs wie eine Oakley-Sonnenbrille aus, sondern wie ein Brillenrahmen ohne Gläser, dafür aber mit einer Verdickung am rechten Auge, die das Display enthält. Laut Nick Bilton von der New York Times testet Google aber "Dutzende andere Formen und Varianten, von denen einige sogar auf normale Brillen aufgesetzt werden können".

Das Interessanteste am Posting auf Google+ sind die Namen der drei Unterzeichner: Barbak Parviz ist nach Angaben von Wired.com ein Spezialist unter anderem für Bio-Nanotechnologie. Er hat bereits eine Kontaktlinse mit eingebauter Elektronik entwickelt, die ebenfalls wie eine Art Display funktionieren soll. Nun mutmaßen bereits einige, Googles Brille sei nur ein Zwischenschritt, das Ziel seien Kontaktlinsen mit Bildschirmfunktionen. Dass sich solche unter anderem nicht mit den Plänen für ein integriertes Smartphone vereinen lassen dürfte, stört dabei offenbar niemanden.

Parodie zeigt, welche Folgen eine unausgereifte Brille hätte

Der zweite Projektleiter Steve Lee hat bisher an den Lokalisierungsdiensten von Google gearbeitet.

Der dritte im Bunde ist der deutsche Informatik-Professor Sebastian Thrun , der nicht nur Googles selbstfahrende Roboter-Autos entwickelt, sondern nebenbei auch noch das Portal Udacity aufbaut, mit dem er die akademische Bildung demokratisieren und allen Menschen mit Internetverbindung zugänglich machen will.

Dieses "Superstar-Team von Wissenschaftlern", wie es ein Analyst in der New York Times ausdrückt, verschaffe Google einen wichtigen Vorsprung vor anderen, die ebenfalls an solchen Brillen arbeiten. Zum Beispiel vor dem Konkurrenten Apple , der bereits vor zwei Jahren ein entsprechendes Patent eingereicht hat.

Bis diese Produkte marktreif sind, wird es allerdings noch dauern. Dass Googles Brille, wie im Februar noch behauptet wurde, bereits Ende des Jahres in den Handel gelangt, ist nach Angaben des Unternehmens "höchst unwahrscheinlich".

Welche unangenehmen Folgen ein nicht ausgereiftes Produkt haben könnte, zeigt eine Parodie auf das offizielle Video von Tom Scott .

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

April April

Da ist wohl jemand reingefallen. Vergleicht das bitte mal mit der "wirklichen Realität". Da wäre man schon froh, wenn alle Internet-Browser alles anzeigen würden, was der Webdesigner dargestellt haben will und was schon längst "Norm" ist (W3C-Standart). Wieviele Autos stehen jeden Tag in den Werkstätten herum, weil die Elektronik versagt, aber niemand weiss, warum? Man darf nicht Labor mit Leben verwechseln. Das sind 2 völlig unterschiedliche Daseins-Ebenen.
Mal als Beispiel: in kleinen Ländern bist Du fast immer an der Grenze zweier Mobilfunk-Netze, die sich überlagern können. Das ist durch LTE nicht besser, sondern eher schlechter geworden. Ein System wie die "Brille" kann aber nur sauber funktionieren, wenn sie sauberen Empfang hat. Gelingt das nicht, landet sie wieder im Schrank.
Ich bin für vieles offen, aber man sollte erstmal die Systeme optimieren, die es gibt und die man benötigt. Das ist jetzt nicht gegen Google, sondern gegen derartig übertriebene Meldungen. Google tastet sich spielend an den realen Fortschritt heran. Das kann man aber nicht so hinstellen, als könnte man es demnächst kaufen.
Ein Verkehrssystem, das in der Lage ist, Staus vermeiden zu helfen, wäre ein Anfang. Aber meist kommen die Hinweise zu spät und die Umwege sind zu unausgegoren. Könnte man so ein System optimieren, das es den Anforderungen gerecht wird, kann man über "Erweiterte Realität" reden. Das wäre für mich so etwas wie ein Prüfstein, wie weit unsere Technik entwickelt ist.

kein Aprilscherz

"man sollte erstmal die Systeme optimieren, die es gibt und die man benötigt."

Fortschritt passiert aber ganz anders: Ideen entstehen auch parallel, werden nebeneinander von verschiedenen Leuten entwickelt und im idealen Fall befruchten sie sich gegenseitig.

Klar, wird das Ende 2012 nix Marktreifes bei herumkommen. Denken sie doch mal an die ersten Computer, die frühen Betriebssysteme. Hätte man erst Motoren bauen sollen als die Pferdekutschen mit Gummireifen, besserer Federung und Scheinwerfern "optimiert" gewesen wären?

Ist doch toll!

Bisher weiß Google über uns nur, was wir suchen, welche Webseiten wir besuchen, wo und was wir einkaufen, mit wem wir Kontakt haben und worüber wir mit anderen reden.

In Zukunft weiß Google dann auch, was wir sehen, in Version 2 dann auch, was wir denken.

Ist doch toll! Bestimmt superpraktisch, das Zweitgedächtnis. man vergißt nichts mehr, verläuft sich nicht, weiß vor dem Betreten eines Ladens, wie der bewertet wird und beim Ansehen einer Person, um wen es sich handelt und was er oder sie denkt.

Deswegen lautet der letzte Satz lin 1984 auch:

"Er liebte den Grossen Bruder."

Das tun wir alle.

Cool,...

dann kann man sich ja immer die richtigen Worte in den Mund legen lassen, zum Beispiel Abends in der Bar.....;-)

Die Brillen könnten automatisch in Millionen Flirt-Situation Erfolg oder Misserfolg registrieren, die entsprechenden Daten in die Cloud schicken, und anschliessend Vorschläge zur Konversation generieren...

So ist das mit neuer Technik, zunächst wird Sie entweder überhöht oder verteufelt, und anschliessend bleibt der Homo Sapiens ganz Er selbst und nutzt es für die Banalitäten des Alltags:-)