MobilfunkErst die SMS machte Handys beliebt

Vor 20 Jahren startete in Deutschland das D-Netz, das erste digitale Mobilfunknetz. So richtig populär wurde es erst zwei Jahre später, mit der Erfindung der SMS. von 

Mobile Telefone für das A-Netz (links), das B-Netz (rechts) und das C-Netz (Mitte)

Mobile Telefone für das A-Netz (links), das B-Netz (rechts) und das C-Netz (Mitte)  |  © picture-alliance/dpa

Es war einmal eine Zeit, da herrschte ein Bundespostminister über die deutschen Telefonnetze. Ende der achtziger Jahre heißt er Christian Schwarz-Schilling ( CDU ). Er bestimmt, dass nicht allein die damalige Bundespost vom neuen Mobilfunk-Standard profitieren soll, der sich für Europa abzeichnet, sondern auch ein privater Anbieter. Es ist das Ende des Telefonmonopols in Deutschland und der Beginn der Handykultur.

Die Groupe Spécial Mobile (GSM), 1982 gegründet, um ein europäisches Telefonsystem zu entwerfen, erarbeitet im Auftrag von 26 europäischen Post- und Telefongesellschaften einen einheitlichen digitalen Mobilfunkstandard für den Kontinent. Der bekommt den Namen Global System for Mobile Communication, der zum bereits bestehenden Akronym passt: GSM. Das deutsche Netz wird D-Netz getauft.

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Logisch, könnte man meinen, D für digital. Falsch gedacht: Es gab zuvor bereits drei analoge Vorgängernetze namens A-, B- und C-Netz.

Die Älteren werden sich erinnern: Vor 1992 wiegen Funktelefone mehrere Kilo , sind groß wie Koffer und kosten so viel wie ein bis drei Autos. Verwendet werden sie wegen ihrer Klobigkeit und ihres Energieverbrauchs lediglich in Autos und auf Schiffen. Das ändert sich erst mit dem digitalen Mobilfunk.

Um eine Lizenz für das D-Netz bewerben sich – außer der bereits gesetzten Bundespost – zehn Firmen. Den Zuschlag bekommt am 7. Dezember 1989 ein buntes Konsortium: Unter Führung des Mannesmann-Konzerns finden sich britische und US-amerikanische Telefonanbieter, der französische Wasserversorger Lyonnaise des Eaux und der Zentralverband des Kfz- und Elektrohandwerks zusammen.

A-Netz

Als erstes bundesweites Mobilfunksystem führt die Bundespost 1958 den "Öffentlich beweglichen Landfunk" ein. Bei diesem werden Gespräche noch von Hand vermittelt. Die Funktelefone sind mit Röhrenverstärkern ausgerüstet und kosten 15.000 Mark – dreimal so viel wie ein VW Käfer. Sie werden als Schiffs- und Autotelefone eingesetzt und können nur benutzt werden, während der Motor läuft – sonst wird die Autobatterie schnell leer. Die maximale Kapazität liegt bei 11.000 Nutzern.

B-Netz

1972 geht das B-Netz in Betrieb. Es funktioniert vollautomatisch, kein "Fräulein vom Amt" vermittelt mehr die Anrufe. Doch die Lösung ist wenig nutzerfreundlich, weil Anrufer wissen müssen, wo sich ihr Gesprächspartner befindet, um die entsprechende Ortsvorwahl eingeben zu können. Außerdem werden die Gespräche unverschlüsselt zu den Mobilgeräten übertragen. Allein die Monatsgebühr beträgt 270 Mark. Dafür sind auch Mobiltelefone in Österreich und den Niederlanden erreichbar. Fast 27.000 Deutsche nutzen das B-Netz an seinem Ende im Jahr 1986.

C-Netz

Erst mit dem 1985 eingeführten C-Netz wird Mobilfunk einer größeren Zahl von Teilnehmern zugänglich. Vor allem als Autotelefon wird es genutzt, weil die Geräte immer noch viel Energie benötigen. Bei tragbaren Apparaten sind die Batterien in einer Art Koffer untergebracht. Die bundesweit einheitliche Vorwahl für Mobiltelefone wird die 0161, eine Ortsvorwahl ist nicht mehr nötig. Zu Spitzenzeiten telefonieren 890.000 Menschen mit dem C-Netz, es gerät damit an die Grenzen seiner Kapazität. Am 31. Dezember 2000 wird es abgeschaltet.

UMTS

Um Hochsommer 2000 versteigert die Bundesrepublik Deutschland für fast 100 Milliarden Mark 16 Lizenzen für den neuen, schnelleren Standard UMTS. Weil die Telefonfirmen die hohen Kosten an die Kunden weitergeben, setzt sich das System nur langsam durch. Vor allem fehlt die "Killer-Applikation", die dem schnellen Netz einen Sinn gäbe. Erst seit 2004 ist das UMTS-Netz für Privatkunden verfügbar. Und erst der Boom der Smartphones, die für Navigation, Mail und Internet viele Daten verschicken, macht einen schnellen Standard überhaupt nötig.

LTE

Noch schneller ist der Mobilfunkstandard der vierten Generation, LTE (Long Term Evolution), der sich in Deutschland erst langsam zu verbreiten beginnt. Auch dessen Frequenzen wurden versteigert, brachten aber nur 4,3 Milliarden Euro. Den ersten Sendemast hat die Telekom im Sommer 2010 in Betrieb genommen. LTE wird vor allem für das mobile Internet genutzt, Telefonieren ist allenfalls ein Nebenaspekt und wird bei einigen Anbietern lediglich als Internettelefonie aufgesetzt.

Am 30. Juni 1992 geht das private D2-Netz der Mannesmann-Tochter MMO , tags darauf das D1-Netz der Bundespost-Tochter DeTeMobil an den Start. Der verläuft schleppend. Es gibt noch zu wenige Geräte für den neuen Standard, sie sind zu teuer, und in die Tasche passen sie auch nicht. Das erste GSM-fähige Mobiltelefon, das Motorola International 3200, Spitzname "Knochen", misst gut 33 Zentimeter, wiegt mehr als ein Pfund und kostet mindestens 5.000 Euro. Auch die Gebühren sind anfangs zu hoch. Telekom und Mannesmann wollen, dass sich ihre Milliardeninvestitionen schnell amortisieren.

Doch der Wettbewerb ändert das bald. Statt Einheitsapparaten vom Vollversorger entwickelt sich ein bunter Markt von Dienste-Anbietern, die D1 und D2 vermarkten, Firmen wie Mobilcom, Talkline, Debitel oder Drillisch. Netzbetreiber und Anbieter zahlen außerdem stattliche Prämien, mit denen Händler die Geräte subventionieren, um mehr davon in Umlauf zu bringen. So gibt es bald Handys zum scheinbaren Nulltarif – in Verbindung mit dem jeweiligen Tarif, versteht sich; die Kosten stecken im Vertrag.

Leserkommentare
  1. Für die Angeber waren diese Handytaschen die modernen Penisköcher. Viel schlimmer fand ich allerdings, dass plötzlich die ganzen wichtigen Geschäftsleute unbedingt während der gesamten Zugfahrt lauthals Telefonate führen mussten. Was haben die nur vorher gemacht? Wo man doch nun nicht einmal mehr eine Stunde warten kann bis zum Meeting.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Handytasche am Gürtel"
  2. "Moderne Smartphones sind längst vollwertige Computer, Telefonieren und Simsen sind Nebensache."

    FALSCH!

    Nachdem immer mehr klar wird, dass man sich keine Jugend erkaufen kann, indem man sich das Spielzeug seiner Kinder kauft, geht der Trend in meinem Umfeld mehr und mehr wieder zurück zum (sinnvollen) Handy, mit dem man "nur" Telefonieren und SMSen kann - und das vielleicht sogar nur einen S/W-Bildschirm besitzt (ich habe mir zum Beispiel gerade erst als Nachfolger für mein altersschwaches Nokia 6510 ein Nokia 1280 gekauft und bin damit bei meinen Kollegen auf großes Interesse gestoßen. Das Ding hat eine gute, haptische Tastatur. Ich arbeite in einer EDV-Abteilung.)

  3. Ich sehe das anders:

    Für mich und meine Freundin gibt's nichts sinnvolleres als SMS. Wir schreiben uns bis zu (abgerechnete) 4.000 SMS im Monat (für uns sind's natürlich weniger, da ja bis zu 10 SMS heutzutage zu einer "LMS" verkettet werden). Gott sei Dank gibt's inzwischen SMS Flatrates.

    SMS kann man jederzeit schreiben, egal wo man ist. Und man kann sie jederzeit ignorieren und erst dann lesen lesen, wenn man Zeit dazu hat - egal wo man gerade ist.

    Mit der richtigen Handytastatur tippe ich SMS fast so schnell wie ich sprechen kann. Außerdem fällt aller Zeitaufwand weg, der beim Telefonieren so anfällt "Hallo? - Hallo! - Wie geht's? - bla bla bla ... Bis bald - du auch." Schließlich zwingt eine SMS ja zur Kurzfassung.

    Und zusätzlich hat man immer schriftlich vorliegen, was kommuniziert wurde.

    Perfekter und bündiger kann man nicht miteinander kommunizieren.

    Andererseits haben Sie recht: Wie bei jedem anderen Schriftverkehr auch sollte man, sobald Emotionen und Missverständnisse ins Spiel kommen, immer abwägen, ob man nicht doch lieber telefonieren sollte.

    Und in meinem Fall: Am Wochenende sehen ich meine Freundin persönlich und wir können die Handys endlich beide beiseite legen ;)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "schon ein Rätsel ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Glik
    • 01. Juli 2012 13:57 Uhr

    4000 SMS pro Monat !? Uiuiuiiii
    kann man da noch was anderes nebenbei machen ;-))? Wenn mans mag soll mans natürlich tun. Keine Kritik dran.

    Da bin ich inzwischen zum Exoten mutiert: Für mich ist eine SMS fast eine 'Frechheit'. Da hats jemand nicht nötig, mich persönlich anzusprechen, erwartet aber, dass ich sein Getippsel aufrufe und irgendwas damit mache.
    Zeitmangel? Na - dann soll man's doch lassen, wenn was anderes momentan wichtiger ist. 'Kommunikation' ist mehr als blanker Informationsaustausch. Kommunikation sollte Bezugnahme mit dem Gegenüber sein und sich nicht in zeitlich und grammatikalisch abgehackten Satzfragmenten erschöpfen.

    PS: Mit derlei Meinung kann man sogar in EDV/Wissenschaft tätig sein... :-)

  4. So weit ich mich erinnere ging die Aufhebung des Telefonmonopols NICHT vom deutschen Bundespostminister aus, sondern liegt in Richtlinien der EU begründet.
    Deutsche Bundespost/Telekom hätten das Monopol liebend gern in alle Ewigkeit festgeschrieben.
    Es gab mal einen TV-Bericht (wurde wohl nur 2mal gesendet, einmal auf ARD, einmal auf WDR; jeweils spät abends!) der sehr schön belegte wie sehr die Post technische Entwicklungen (Beharren auf Wählscheibe, Endgerätemonopol und -exklusivvertrag mit Siemens, Postmonopol der Zulassung [FTZ-Nr.]) blockierte, die andernorts längst Standard waren.
    Und ich erinnere mich daran, daß die Post kurz vor Ende des Monopols noch versuchte den Minutentarif fürs FESTNETZ drastisch zu erhöhen. Damals kostete Festnetz mehr als heute Mobil und Flatrates gabs auch nicht!

    • Glik
    • 01. Juli 2012 13:57 Uhr

    4000 SMS pro Monat !? Uiuiuiiii
    kann man da noch was anderes nebenbei machen ;-))? Wenn mans mag soll mans natürlich tun. Keine Kritik dran.

    Da bin ich inzwischen zum Exoten mutiert: Für mich ist eine SMS fast eine 'Frechheit'. Da hats jemand nicht nötig, mich persönlich anzusprechen, erwartet aber, dass ich sein Getippsel aufrufe und irgendwas damit mache.
    Zeitmangel? Na - dann soll man's doch lassen, wenn was anderes momentan wichtiger ist. 'Kommunikation' ist mehr als blanker Informationsaustausch. Kommunikation sollte Bezugnahme mit dem Gegenüber sein und sich nicht in zeitlich und grammatikalisch abgehackten Satzfragmenten erschöpfen.

    PS: Mit derlei Meinung kann man sogar in EDV/Wissenschaft tätig sein... :-)

    • xpeten
    • 01. Juli 2012 14:07 Uhr

    die Leute, die mit einer Handytasche am Gürtel herumlaufen, sind doch auch heute noch Proleten.

    • xpeten
    • 01. Juli 2012 14:09 Uhr

    wird wahrscheinlich sein, dass die Leute schriftlich kommunizieren können, ohne als Analphabeten und Legastheniker aufzufallen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CDU | CSU | SMS | T-Mobile | Vodafone | Debitel
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