E-Books : Bezahl nur Buchseiten, die du auch gelesen hast

Wer bei TotalBooX ein E-Book kauft, zahlt nur, was er auch liest. Die Leser müssen dafür hinnehmen, dass ihr Leseverhalten genau protokolliert wird.
TotalBooX berechnet den Preis für ein E-Book nach den gelesenen Seiten. Screenshot: totalboox.com

Geschäftsmodelle im Internet sind oft dann erfolgreich, wenn sie Pakete aus der analogen Welt aufschnüren. Ein gutes Beispiel liefern Apple, Amazon und alle anderen, die einzelne MP3-Songs verkaufen statt kompletter Alben. Dieses Prinzip will die israelische Firma TotalBooX auf E-Books übertragen: Kunden sollen nur die Seiten eines Buches bezahlen, die sie lesen.

Für die Leser klingt das zunächst nach einem guten Geschäft, nach Risikominimierung. Entscheiden sie nach der Hälfte, dass sie nicht weiterlesen möchten, bezahlen sie auch nur 50 Prozent des Preises. Die Kosten pro Seite werden prozentual errechnet. Bezahlte Seiten können wieder und wieder gelesen werden.

Sie müssen dafür hinnehmen, überwacht zu werden. Das passiert zwar auch bei anderen Anbietern. So weiß zum Beispiel auch Amazon, an welcher Stelle eines E-Books die Kindle-Besitzer aufhören zu lesen. Die entsprechenden Daten werden immer dann an Amazon übertragen, wenn das Gerät online ist. Da TotalBooX aber sogar verspricht, übersprungene oder schnell überblätterte E-Book-Seiten nicht zu berechnen, muss es das Leseverhalten äußerst präzise nachvollziehen können. 

Sobald TotalBooX weiß, wie viel jemand von einem Buch gelesen hat, bucht das Unternehmen den Betrag vom Kundenkonto ab. Auch ohne ständige Internetverbindung funktioniert das System: abgebucht wird in diesem Fall, sobald das Endgerät wieder am Netz ist. Auf die Frage, in welchen Zeitraum abgebucht wird und wie viele Transaktionen pro Buch durchgeführt werden, hat TotalBooX noch nicht geantwortet.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Im Play-Store von Google gibt es bereits eine TotalBooX-App für Android-Tablets. Eine App für iOS soll folgen. Die Bücherplattform soll in den nächsten Tagen online gehen und zunächst rund 10.000 Titel umfassen. Mit welchen Verlagen das Unternehmen zusammenarbeitet, ist noch nicht bekannt. Deshalb ist unklar, ob TotalBooX auch Bestseller bekannter Autoren anbieten wird oder vorwiegend Werke unbekannter Autoren verkauft. Es ist wohl damit zu rechnen, dass bekannte Schriftsteller und Verlage weiter darauf vertrauen und bestehen, dass die Leser ein Buch als Gesamtkunstwerk betrachten und es ganz oder gar nicht kaufen.

TotalBooX aber glaubt, dass nicht nur die Leser, sondern auch Verlage und Autoren vom Zahl-was-du-liest-Modell profitieren. Sie könnten neue Leserschichten gewinnen, weil es die Hemmschwelle, gleich ein ganzes Buch zu kaufen, nicht mehr gibt. Attraktiv könnte das Modell vor allem für Autoren sein, die ihre Bücher selbst herausbringen und erst noch ein Publikum finden müssen.

Zudem sollen sie wie auch die Verlage die Nutzungsdaten bekommen, um analysieren zu können, welche Bücher gut ankommen und welche die Leser nicht bis zum Ende lesen. Sie können ihre künftigen Angebote danach ausrichten.

Der Erfolg von TotalBooX wird davon abhängen, wie attraktiv das Büchersortiment ist und wie viel Aufmerksamkeit die Plattform auf sich ziehen kann. Nach dem Humble Bundle für E-Books, bei dem die Käufer selbst festlegen konnten, wie viel sie für ein Buch ausgeben, ist es ein weiteres interessantes Experiment: Es gilt, die Grenze zu finden, ab der Konsumenten anfangen, Geld für digitale Inhalte auszugeben.

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Mittelfristig nix

Mittelfristig wird sich der Ebook-Preis an die Grenzkosten annähern, sprich: Es wird auf Flatrates oder andere Arten der Finanzierung (i.e. Werbung) hinauslaufen, wie es bei Musik ja meist schon der Fall ist. (Leider.) Kurzfristig ist das aber eine nette Sache. Wobei ich mich frage, wie das Finanzierungsmodell mit den Apple-iTunes-Bedingungen kompatibel ist.
Die Datenschutzbedenken kann man natürlich teilen, kann man natürlich für sich zum Hindernis der Nutzung machen. Bloss darf man dann nicht neidisch werden, wenn andere niedrigere Preise bezahlen. Und das fällt vielen dann doch schwer.
Ich teile sie nebenbei nicht, solange das Geschäftsmodell klar ist. Sonst könnte ich als eingeloggter Nutzer ja auch nicht auf Zeit.de lesen (oder jede andere Webseite mit Account nutzen), wo ja auch nachvollziehbar ist, welche Seiten ich besucht habe, wo nachvollziehbar ist, bei welchen Artikeln ich die späteren Seiten gelesen habe. Ich habe da keine Sorge. Die individuellen Daten sind ziemlich ohne Wert, nur aggregiert sind sie nützlich. Jedenfall solange man einen Dienst pseudonym nutzen kann...

Für Fachbücher toll

Für teure Fachbücher wäre sowas super, da kostet ein Buch gern mal um die 100 Euro und man braucht nur wenige Seiten wirklich...

Ich frag mich bloß, wo die Grenze zwischen kostenlosem Durchblättern und kostenpflichtigem Lesen liegt, ist 1 Sekunde pro Seite erlaubt? Und wenn man öfters die gleiche Seite überblättert, ist das dann immer noch kostenlos? Wie wird sicher gestellt, dass die Seite nicht beim Blättern schnell abfotografiert wird?