E-Reader Tolino : Der Kindle-Konkurrent des deutschen Buchhandels

Die Großen des Buchhandels haben sich mit der Telekom gegen Amazon zusammengetan und gemeinsam einen E-Reader gebaut. Der heißt Tolino und ist gar nicht so schlecht.
E-Reader Tolino © ZEIT ONLINE

Der Tolino Shine soll die Antwort der Telekom und des deutschen Buchhandels auf den Kindle von Amazon sein. Seit Donnerstag gibt es ihn für 99 bis 100 Euro bei den großen Buchhändlern, die an dem Projekt mitgearbeitet haben: Thalia, Weltbild/Hugendubel und Club Bertelsmann und bei der Telekom selbst.

Es hat gedauert, aber inzwischen scheint der deutsche Buchhandel Amazon nicht mehr das ganze Feld überlassen zu wollen. Die Angst vor dem gemeinsamen Feind hat die Gegner vereint. Bislang haben alle allein versucht, eigene Reader zu entwickeln oder anzubieten: Thalia den Oyo und Oyo II, Weltbild/Hugendubel einen Trekstor, selbst der Börsenverein probierte sich an einem eigenen Modell.

Keiner davon war wirklich gut und Amazon gewachsen. Das ist nun etwas anders. Der Tolino ist dem Kindle Touch sehr ähnlich, den Amazon inzwischen aus dem Programm genommen und durch neuere Modelle ersetzt hat. Form, Farbe, Größe, Bildschirm – die beiden sehen aus wie Geschwister, sogar die Haptik ist vergleichbar. 

Kein Mobilfunkmodul

Allerdings gibt es den deutschen Reader nur mit WLAN, nicht mit einem 3G-Modul wie das Amazon-Modell, obwohl der Mobilfunkbetreiber Telekom mitmacht. Dafür ist der Tolino mit 183 Gramm etwas leichter und sein E-Ink-Display kann beleuchtet werden. Auch ist die Auflösung mit 1.024 mal 758 Bildpunkten höher als beim Kindle Touch, beziehungsweise genauso hoch wie beim Nachfolger Paperwhite.

Bedient wird der Tolino über einen Home-Knopf am unteren Rand und über den Infrarot-Touchbildschirm. Der versteht die Gesten Wischen und Tippen, nicht aber Vergrößern oder mit Doppeltipp an die Bildschirmbreite anpassen. Der Schirm reagiert schnell und präzise, aber der des Kindle Paperwhite ist noch ein wenig besser.

Ein wirklich sauberes Schriftbild bietet der Tolino allerdings nicht. Bei kleinen Schriften wird die Darstellung fisselig und zeigt hellere und dunklere Textbereiche. Das wirkt, als sei nicht genug Druckerschwärze auf der Rolle gewesen. In großen schwarzen Flächen – beispielsweise bei der Darstellung von Fotos im Browser – finden sich außerdem Artefakte, als habe die Schrift von der Rückseite beim Drucken durchgeschlagen.

Der Bildaufbau ist teilweise chaotisch

Man mag das als sympathische Anklänge an die Tageszeitung sehen, wo so etwas aufgrund der Drucktechnik normal ist. Doch trübt es ein wenig den Eindruck von dem sonst sauber verarbeiteten Gerät.

Beim Surfen zeigt der Schirm noch stärker seine Schwächen. Der mitgelieferte Browser funktioniert gut und flüssig. Der Bildaufbau ist im Vergleich zu anderen E-Ink-Displays aber eher langsam und chaotisch. Beim Wischen über eine Website gibt es bei jedem Wechsel ein bis zwei Sekunden lang Bildsalat. Schriften und Fotos überlagern sich wild, bis sie wieder zur Ruhe kommen und das neue Bild steht. Kopfschmerzgefahr.

Dabei ist die Ausstattung des Tolino grundsätzlich gut. Nach Angaben der Telekom hält der Akku sieben Wochen lang. Der Speicher bietet zwei Gigabyte Platz und kann, das ist vorbildlich, durch eine Micro-SD-Karte mit maximal 32 Gigabyte erweitert werden.

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Sehr guter Tip - Die Fernleihe bei der örtlichen Stadtbücherei

Stimmt! Viele wissen gar nicht, dass man sich fast alle Bücher über die Fernleihe der Stadtbücherei bestellen kann. Darunter auch viele, die gar nicht mehr aufgelegt werden. Auch online von zuhause. Pro Buch kostet das gerade mal 1,50 Euro an Gebühr.

Ein ebook-reader empfiehlt sich m.E. trotzdem. Allein schon wegen der vielen Texte, die man sich kostenlos im pdf-Format runterladen kann, z.B. bei ´Projekt Gutenberg´ (in Englisch und Deutsch), wo man Bücher und Texte lesen oder runterladen kann, bei denen die Inhaberrechte abgelaufen sind. Hier und da stösst man auf ziemlich exzentrische Sachen. Habe erst gestern eine diplomatische Note aus der Zeit von Elizabeth I gelesen, die mich sehr fasziniert hat: "A Declaration of the Causes, which
mooved the chiefe Commanders of the Nauie of her most excellent Maiestie
the Queene of England, in their voyage and expedition for Portingal, to take and arrest in the mouth of the Riuer of Lisbone, certaine Shippes of corne and other prouisions." :-D

Wer viel pdf-Dateien hat, sollte auf jeden Fall darauf achten, einen ebook-reader zu kaufen, der pdf-Dateien gut verarbeitet. Da gibt es Unterschiede, und der Kindle ist nicht so gut, weil er die Schriftgrösse nicht automatisch anpasst. Beim Tolino ist das vermutlich besser.

"Whispernet" kann auch löschen - und spionieren

amazons toller online-Zugang dient nicht nur dazu, Bücher auf die amazon-Lesegeräte aufzuspielen. Amazon löscht auch, z. B. schon im Falle der Schließung des amazon-Kundenkontos, alle Bücher, die auf dem Kindle gespeichert sind. Da sind die Lizenzbedingungen von Amazon deutliche knebelnder als die anderer Händler: wenn man z. B. bei libri oder buch.de kauft, behält man seine Bücher, selbst wenn man sein Konto dort schließt.

Zudem beinhalten die Vertragsbedingungen beim Kindle-Kauf, daß Amazon übermittelt bekommt, welche Bücher sich auf dem reader befinden - nicht nur die bei Amazon gekauften, auch alle anderen , außerdem Lesezeichen etc.
Ich empfinde es daher als einen Vorteil, daß mein "sony"-Gerät so etwas nicht besitzt.

Außerdem, wie oft benötigt man das? Ich lese viel und recht schnell, aber habe es bisher nicht als Problem empfunden, die neue Literatur gelegentlich über PC oder WLan zu laden.
Im

Wollen und brauchen

Ich wollte eigentlich nur wissen ob es sowas wie Whispernet gibt. Das übliche FUD über die Gefahren hätten Sie sich offen gestanden sparen könen.

Ich persönliche brauche USB, weil ich Speicherkarten verschlampe und kaputt mache und keine Lust habe welche zu kaufen. Ausserdem kann ich mein Kindle mit meinem Handyladegerät laden. Auch praktisch.

Ob man Whispernet braucht kann ich ehrlich nicht sagen, so wie ich auch nicht sagen kann ob man einen eReader braucht. Ich finde es allerdings praktisch und es macht was es soll ohne das ich was machen müsste. Scheint mir auch nützlicher zu sein als einen Webbrowser auf so ein Teil zu bauen.

Was ist es denn sonst?

Sorry, aber wenn die Antwort auf die Frage ob es was Whispernet ähnliches für einen Reader gibt drei Absätze über das Lizenzmodell und Knebelverträge sind, dann ist das für mich FUD. Es beantwortet nicht die Frage, sondern zählt hauptsächlich Gründe auf, weshalb andere Produkte vermeintlich besser sind und schliesst dann zu allem Überfluss auch noch mit – nach den drei Absätzen – der rhetorischen Frage, ob man das denn jetzt wirklich wolle. Offenbar wollte ich das, sonst hätte ich ja keinen Kindle und würde nicht explizit danach fragen.