Handy-Ladegeräte"Eines für alle" gilt nicht mehr

Handy-Hersteller könnten wieder uneinheitliche Netzteile bauen. Ihre Selbstverpflichtung ist ausgelaufen. Die EU-Kommission bat um Verlängerung – und bekam eine Abfuhr. von Corinna Visser und Christopher Ziedler

Es war einer der seltenen Fälle, in denen die Europäische Union uneingeschränktes Lob erntete: Unter Vermittlung der EU-Kommission hatten sich die neun führenden Hersteller im Jahr 2009 darauf geeinigt, in Europa nur noch Handys mit einheitlichem Ladekabel auf den Markt zu bringen. Inzwischen trifft das bei 90 Prozent der Geräte zu. Verbraucher haben seither weniger Ärger, wenn kein eigenes Netzteil zur Hand ist.

Umweltschützer freuen sich über weniger Müll, da der Mobilfunk geschätzt 50.000 Tonnen Steckerschrott im Jahr produziert. Nun aber könnte es mit dieser kleinen EU-Erfolgsgeschichte bald vorbei sein. Die freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller hatte nämlich, was damals unter den Tisch fiel, ein Verfallsdatum: Ende Dezember lief sie aus.

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Der zuständige EU-Kommissar Antonio Tajani bat um Verlängerung – und bekam von den Herstellern eine Abfuhr. "Ich bedauere diese Haltung zutiefst", sagte der Italiener kürzlich in einem Interview. Die EU-Kommission hat daher den ersten Schritt zu einem Gesetzgebungsverfahren eingeleitet, an dessen Ende die Pflicht zum Einheitsstecker stehen könnte: Die Beamten klären vorab, welche Staaten was vorschreiben. Zudem wird geprüft, ob es den Standard nicht auch für andere mobile Endgeräte wie Digitalkameras, Tablet-PC, Musik-Player oder Navigationsgeräte geben soll.

Für den Verbraucher ist es nicht leicht einzusehen, warum die Hersteller sich so schwertun mit der Einigung auf ein einheitliches Ladegerät – schließlich kauft niemand ein Smartphone oder Handy, nur weil es einen coolen Stecker hat. Doch wer in diesen Tagen versucht, bei Samsung, Nokia oder Apple zu erfahren, warum sie die Selbstverpflichtung nicht verlängern wollen, hat wenig Glück.

Verband sieht keine Notwendigkeit für neues Abkommen

Bei Samsung kann nur die Zentrale in Südkorea Auskunft geben, doch die schweigt. Bei Nokia gibt es immerhin ein kurzes Statement auf Englisch: Die freiwillige Selbstverpflichtung auf ein einheitliches Ladegerät habe einen guten Dienst bei der Harmonisierung des Marktes rund um Ladegeräte geleistet, heißt es darin. Nokia unterstütze diese Anstrengungen im Interesse der Verbraucher und sei in Gesprächen mit der Kommission über eine Verlängerung der Selbstverpflichtung. Von Apple kommt nur der Verweis auf eine Internetseite der EU zum Thema. Dazu der Hinweis, dass Apple die Selbstverpflichtung erfülle, auch wenn Apple-Geräte nur mittels Adapter an den sonst in der Industrie verwendeten Mikro-USB-Anschluss passen.

Deutlich gesprächiger als die Unternehmen ist ihr Verband Digital-Europe in Brüssel. Dort sieht man keine Notwendigkeit für ein neues Abkommen – und für ein Gesetz schon gar nicht. Kein Hersteller würde nun auf die Idee kommen, die für die aktuelle Generation der Geräte erreichte Harmonisierung wieder zu ändern. Daher gebe es auch keinen Grund für eine neue Selbstverpflichtung.

Leserkommentare
  1. Freiwillige Selbstverpflichtungen haben noch nie funktioniert. Sie sind lediglich dazu da, sich Zeit zu erkaufen. Man kann in diesem speziellen Fall nur hoffen, dass die Umstellung, jedem sein eigenes Ladekabel, den Herstellern zu viel Aufwand ist und somit alles beim alten bleibt. Als jemand, der ein privates und ein berufliches Mobiltelefon hat, wusste ich das einheitliche Ladekabel zu schätzen. Es ersparte mir das Mitnehmen mehrerer Ladekabel. Und wenn ich mal keines zur Hand hatte, konnte mir meist jemand aushelfen.

    Insofern würde ich eine gesetzliche Verpflichtung befürworten. Wer weiß, auf welchen schmalen Pfad die Hersteller morgen wieder kommen, wenn es dem eigenen Profit dient.

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    Es git Maßnahmen, zu denen die Industrie gewzungen werden muss. Man muss Ihnen ja nicht vorschreiben, wie es im Detail auszusehen hat. Eine Frist, sich auf einen Standard zu einigen würde reichen.
    Nein, wie Sanktionen aussehen könnten wüsste ich auch nicht. :)

    auch diese selbstverpflichtung war ein witz.
    kaum war sie draußen, gab es zich verschiedene formen für usb-anschlüsse.
    die selbstverpflichtung ist nie umgesetzt worden.

    Sie schreiben es! Freiwillige Selbstkontrolle funktioniert nicht!
    Und gleicher Text könnte demzufolge z.B. auch unter einem Artikel zur "Flexiquote" stehen!

  2. ..so wie alle Konsumenten entscheiden können, was sie kaufen und was nicht.

    Der Gesetzgeber soll es doch regeln? Dann kommt bei der EU wieder irgendein Lobbymist auf Kosten aller heraus.

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    Wie denn, wenn 20 Hersteller 20 verschiedene Kabel anbieten??
    Unglaublich diese Marktgläubigkeit.

    Aber am besten warten wir bis einer das Monopol hat, dann hat der Markt entschieden.

    • Veliks
    • 23. April 2013 0:57 Uhr

    Auf Wunsch entfernt. Die Redaktion/mak

  3. Die Behauptung "Umweltschützer freuen sich über weniger Müll," ist m.E. falsch.

    Richtig ist der Konjunktiv: Elektromüll hätte vermieden werden können, falls die Hersteller Telefone ohne Ladegeräte verkauft hätten.

    Tatsächlich werden fast ausschliesslich Telefone mit Ladegerät verkauft, eingespart wird dadurch nichts.

    3 Leserempfehlungen
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    denn in meinem Umfeld halten die Mobile/Smart Phones länger als die Netzteile.
    ich hab schon min 3-4 Netzteile nachgekauft für mich und meinen Bekanntenkreis.
    Z.T. kaputt, z.T. verloren. Welches Handy hast du denn? Und welchen Typ - die Herstellen wechseln auch mal gern intern die Schnittstellen - Ich hab aber noch ein paar übrig, aber die passen natürlich nicht - neu gekauft.
    Im Urlaub: wer hat ein Samsung - ich hab mein Ladeteil vergessen - nee, leider nicht.

    Ein Standard macht schon Sinn, auch wenn ein Netzteil mitgeliefert wird.

    Richtig, komfortabler ist es schon, wenn man sich ein "fremdes" Ladegerät ausleihen kann, weil es denselben Stecker benutzt.

    Das erklärte Ziel der Stecker-Übereinkunft war aber die Müllvermeidung. Diese Ziel wurde nicht erreicht.

    Zumindest bei Ebook-Readern ist es mittlerweile Standard, dass sie ohne Ladegerät kommen.

    Und selbst bei meinem Nexus 4 wurde Müll vermieden: Zwar lag ein Ladegerät bei, aber nur ein einziges Kabel, das wahlweise als USB-Kabel zum PC oder zum Verbinden zwischen Handy und Ladegerät genutzt werden kann.

  4. Wie denn, wenn 20 Hersteller 20 verschiedene Kabel anbieten??
    Unglaublich diese Marktgläubigkeit.

    Aber am besten warten wir bis einer das Monopol hat, dann hat der Markt entschieden.

    11 Leserempfehlungen
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    Momentan haben aber alle neuen Handys (bis auf Apple natürlich) Micro- USB.

    Ein Hersteller, der mit einer neuen Schnittstelle auftritt, sollte auf seiner Ware sitzenbleiben. Wäre doch schön, oder?

  5. 5. Stimmt

    Es git Maßnahmen, zu denen die Industrie gewzungen werden muss. Man muss Ihnen ja nicht vorschreiben, wie es im Detail auszusehen hat. Eine Frist, sich auf einen Standard zu einigen würde reichen.
    Nein, wie Sanktionen aussehen könnten wüsste ich auch nicht. :)

    Eine Leserempfehlung
  6. Mädels... *seufz* ...warum die Hersteller lieber ihr eigenes Süppchen kochen... ist doch wohl offensichtlich.

    Man denke nur daran, wie viel Geld die Hersteller mit proprietärem Zubehör machen. Ist doch klar, dass die kein Interesse daran haben die Ladekabel identisch zu halten. Wenn das so viele Vorteile bringen würde, hätten sie das doch schon längst ohne Zutun der EU getan...

    Manchmal kann ich nur noch schmunzeln... wo es Geld gibt, da gibt es auch einen Weg ;-) !

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  7. Hier zeigt sich wieder einmal welchen 'Vertrag' die Industrie mit der Europäischen Union eingegangen ist. Sie hat sich nämlich weitestgehend nach den Bedürfnissen der Industrie zu richten, jeglicher Einwand wird mit Steuermindereinnahmen und Arbeitsplätzen abgebügelt. Daher behaupte ich: Die Industrie hat die Europäische Union voll im Griff, sie ist durch mächtige Interessenverbände in Brüssel bestens abgesichert und braucht keinen EG-Kommissar zu fürchten.
    Was muss geschehen, um diesen Zustand zu ändern?
    Ein gezieltes Verbraucherverhalten, das ist glaube ich ein schöner Traum, wird aber niemals in der Mächtigkeit auftreten, die es braucht, sich von diesem Würgegriff zu befreien. Es gibt genügend Informationen für Verbraucher, die zeigen, welchen Einfluss die Industrie auf die Meinungsbildung der EG-Regierung in Brüssel ausübt, aber nichts ändert sich. Da kann man nur auf Politiker warten, die den Mut haben, gegen solche Interessen ein entsprechendes Auftreten zu zeigen.

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  8. Da Apple bei dieser "Selbstverpflichtung" nicht mitgespielt hat, war sie (zumindest in meinem Alltag) ohnehin witzlos. Und jetzt springen auf einmal alle auch noch auf Apples verlogenes "Daten synchronisieren" Argument auf, wenn sie andersrum in der eigenen Werbung schon lange das Synchronisieren über "die Cloud" propagieren. Man hätte Apple nicht davonkommen lassen sollen, dann hätte das Ganze eventuell eine Chance gehabt. So wollen alle anderen auch so tolle individuelle Kabel wie Apple, mit der man die Einzigartigkeit und Überlegenheit des eigenen wundertollen Systems besser kommunizieren kann bla bla bla bla

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    ... man braucht eben ein Gesetz, das auch Apple zwingt. Zum Glück arbeitet die Kommission schon daran. Adapter dürfen eben nicht mehr gelten.

    Außerdem wird Apple ja sowieso immer weiter verdrängt. Analysten gehen davon aus, dass sich dieser Trend noch verstärken wird. Insofern löst sich das Problem von selbst.

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